Gastrezension: Totenlied von Tess Gerritsen

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Diese Gastrezension kommt von Blogger Solera. Wir freuen uns, dass Solera sich bei uns mit einem Gastartikel einbringt und wünschen Euch viel Spass bei der Lektüre.

Auf eine Empfehlung von Virginia vom Private Readers Book Club habe ich mir vor ein paar Monaten das Hörbuch „Totenlied“ von Tess Gerritsen besorgt und während meiner Gartengestaltungsaktion im August durchgehört. Seit damals habe ich immer wieder an dieser Rezension gesessen, doch zufrieden war ich nie.

Insgesamt hat das Hörbuch einen zwiespältigen Eindruck bei mir hinterlassen: Einerseits war ich als Musiker fasziniert von den Schilderungen, die durchaus gelungen waren (es gibt Autoren, denen man es leider nur allzu deutlich anmerkt, dass sie keine Musiker sind, was bei Tess Gerritsen glücklicherweise nicht der Fall ist), andererseits ist die Protagonistin ein derart getriebener und unlogisch handelnder Charakter (auch wenn die Geschichte am Ende gerade noch „die Kurve kriegt“), dass sich an einigen Stellen alles in mir dagegen sträubte.

Eigentlich ist letzteres ein Beleg für die ausgereifte schriftstellerische Fertigkeit der Autorin, das musste ich nach einigen Tagen, die ich diese Rezension habe ruhen lassen, einsehen. Denn wie ich auch bei einem Film nur bei einer wirklich gelungenen Darstellung eine echte Antipathie gegen den Bösewicht entwickle, so entstand dieses Gefühl vor allem, weil die Schilderungen im (Hör-)Buch mich anscheinend sehr direkt ansprachen.

img_3636hier geht’s zur Hör- und Leseprobe zu Totenlied

Zum Inhalt

Die Handlung von „Totenlied“ weist zwei Erzählstränge auf, die sich immer wieder abwechseln und am Ende vereinen:

  1. Julia, die zweite Violinistin eines Streichquartetts, kauft bei einem Antiquitätenhändler in Italien ein altes Notenbuch voller Zigeuner-Melodien. Im Buch liegt auch noch ein weiteres loses Notenblatt, auf dem der Walzer „Incendio“ eines italienischen Komponisten namens Todesco notiert ist. Wieder daheim in den USA beginnt sie mit dem Üben des Walzers, doch jedes Mal, wenn sie den Walzer spielt, geschehen seltsame Dinge: Beim ersten Mal wird ihre Katze getötet, beim zweiten Mal wird ihr von ihrer eigenen kleinen Tochter eine Glasscherbe ins Bein gerammt… Ihr psychologischer Zustand verschlechtert sich, sie fühlt sich verfolgt und bedroht. Gleichzeitig entfremdet sie sich allen Menschen in ihrer Umgebung. In ihrer zunehmenden Verzweiflung reist sie nach Venedig, um die Ursprünge des Walzers genauer zu erkunden und so möglicherweise das Rätsel um ihre eigene Verfassung zu lösen…
  2. Italien, Mitte/Ende der 1930er bis Mitte der 1940er Jahre: Lorenzo, ein jüdischer Geiger, arbeitet mit der Cellistin Laura auf die Teilnahme an einem Musikwettbewerb hin. Während der wöchentlichen Proben entwickeln die beiden tiefe Gefühle füreinander. Im Vorfeld des Wettbewerbs kommen immer wieder die für Juden veränderten Gesetze und Umstände zur Sprache, doch keiner der beiden fühlt sich davon eingeschränkt oder bedroht. Am Tag des Wettbewerbs werden die beiden jedoch kurz vor der Teilnahme aufgrund Lorenzos jüdischer Abstammung disqualifiziert. Sie spielen dennoch, müssen danach aber erwartungsgemäß ohne Preis das Feld räumen, denn die für den Wettbewerb Verantwortlichen wollen ihr eigenes Leben nicht durch die Verleihung eines Preises an einen jüdischen Musiker gefährden. Frustriert zieht Lorenzo sich in seine eigene Welt zurück. Ein paar Jahre später wird das gesamte jüdische Viertel in ein Arbeits- bzw. Konzentrationslager umgesiedelt. An einer Zwischenstation wird Lorenzo als fähiger Musiker erkannt und vom Rest der Gruppe getrennt. Er wird einem kleinen Orchester vorangestellt, um Musik für alle möglichen Anlässe, vor allem aber zur Tarnung der Ermordung jüdischer Gefangener zu spielen. Alle übrigen – auch Lorenzos gesamte Familie – landen ohne Umwege in einem polnischen Vernichtungslager.

Mehr darf ich nicht verraten, um für möglicherweise interessierte zukünftige Hörer/Leser noch ein wenig Spannung im Spiel zu halten. Das Ende ist eine gelungene Auflösung der ineinander verwobenen Handlungsstränge, mehr dazu im Fazit.

Zum Hörbuch

Die Hörbuch-Fassung ist insgesamt gelungen, technisch auf jeden Fall einwandfrei, jedes Wort ist glasklar verständlich, jede Gefühlsregung wird deutlich transportiert. Die Charaktere werden sehr plastisch durch unterschiedliche Modulationen voneinander abgesetzt und bleiben auch in längeren Dialog-Strecken gut zu unterscheiden. Das ist wirklich toll.

Einen Kritikpunkt habe ich jedoch, denn meiner Meinung nach schießt die Vorleserin, Mechthild Großmann, an der einen oder anderen Stelle ein wenig über ihr Ziel hinaus. An Stellen großer emotionaler Erregung finde ich ihre Art des Vorlesens schlicht und einfach etwas übertrieben – andererseits liegt das vielleicht auch nur daran, dass dies eben nicht meine Art wäre, mich zu verhalten bzw. auszudrücken. Dieser Makel ist aber in der Summe zum Glück eher gering.

Die Hörbuchfassung enthält noch einen kleinen Bonus, der dem gedruckten Roman sicherlich fehlen wird: Eine Aufnahme des von der Autorin selbst komponierten Walzers. Nun könnte man als Musiker leicht die Nase rümpfen und das Haar in der Suppe suchen, schließlich „wildert“ die Autorin in einem fremden Metier, doch nach dem Ende dieses emotional durchaus aufgeladenen Hörbuchs diesen Walzer präsentiert zu bekommen (noch dazu in wirklich guter Audio-Qualität), ist sicher nicht nur für mich ein sehr schöner Moment. Ich habe ihn angehört und dabei die Abrundung des gesamten Hörbuch-Erlebnisses genossen.

Fazit

Alles in allem ist das Hörbuch also sicher eine gute Wahl. Wenn noch ein wenig Zeit vergangen ist, vielleicht ein halbes Jahr oder etwas mehr, höre ich es mir in aller Ruhe noch einmal an. Mal sehen, ob sich der Genuss vergrößert, wenn ich nicht mehr auf jedes kleine Detail achten muss, weil mir der Ausgang der Geschichte schon bekannt ist. Oft kommen dann andere, auf den ersten Blick eher nebensächliche, für die Gesamtstimmung und das innere Bild der Geschichte aber so wichtige Details stärker zur Geltung, wodurch die Wirkung intensiviert werden kann. Und dann werde ich herausfinden, ob sich meine Abneigung gegen die Protagonistin irgendwie verändert hat.

Gastrezension: Zorro von Isabel Allende

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Unsere erste Gastrezension kommt von Blogger Solera. Einige von Euch kennen ihn und seinen Blog Solera1847 sicherlich bereits. Wir freuen uns, dass Solera sich bei uns mit einem Gastartikel einbringt. Also…..Bühne frei für seine Rezension zu Zorro von Isabel Allende.


„(Zorro) is the father of Batman and Superman. He’s the father of all the action heroes with the double personality. Most of those guys have magic tricks. Zorro has only his own skills.“ (Isabel Allende, 2003)


Kindheitserinnerungen

In meiner Kindheit sah ich im Vorabendprogramm des öffentlich-rechtlichen Fernsehprogramms (mehr gab es damals ja noch nicht in Deutschland) die in nostalgischem schwarz/weiß gehaltene Serie „Western von gestern“. Der Begriff „Serie“ ist hierbei technisch nicht korrekt, denn „Western von gestern“ bestand jeweils aus einer Zusammenstellung verschiedener und inhaltlich nicht näher zusammenhängender Kurzfilme, die – das war das verbindende Element – im Wilden Westen spielten. Für mich war die faszinierendste Figur, die auch immer wieder mal vorkam (was dann jeweils einen Freudenjuchzer hervorrief), ganz klar der maskierte Wildwest-Robin Hood: Zorro.

Jede einzelne Episode war für mich ein Highlight, denn Zorro stand immer ganz klar auf der Seite des Guten, setzte sich für die Schwachen ein – und er siegte immer. Als Kind war das schön einfach (und ganz passend zum schwarz/weiß-Format der Sendung), daher ist das positive Image der Figur Zorro bereits da in meinem Unterbewusstsein geprägt worden. Und ich möchte wetten, dass es Unmengen anderer Personen ebenso ergangen ist. Und das bringt uns zum Roman „Zorro“ der chilenischen Schriftstellerin Isabel Allende.


Die Autorin

Eigentlich müsste man Isabel Allende kaum mehr vorstellen, denn bereits ihr Debüt-Roman „Das Geisterhaus“ aus dem Jahr 1982 machte sie weltweit berühmt. Dennoch kann ich an dieser Stelle vielleicht noch die eine oder andere Facette hinzufügen, die auch für den Genuss des Romans von Bedeutung ist. Dazu gehört, dass Isabel Allende sich dessen voll und ganz bewusst ist, eine Romanschriftstellerin zu sein. Sie weist jegliche journalistische Fähigkeit entschieden von sich:

„I’m a lousy journalist because I can’t stick to the plain truth, I have to embellish it.“ (Dan Glaister: „Loving Zorro, Writing Zorro“, S. 9).

Pablo Neruda drückte sich ihr gegenüber da noch viel deutlicher aus:

„You’re incapable of being objective, you put yourself at the centre of everything. I suspect that you lie a lot, and where there is no news, you invent it. Wouldn’t it be better to turn to writing novels? In literature, these defects are virtues.“

Frei übersetzt:

Sie sind unfähig, objektiv zu bleiben, Sie stellen sich selbst immer ins Zentrum. Ich vermute, dass Sie viel lügen, und wenn es keine Neuigkeiten gibt, erfinden Sie welche. Wäre es nicht besser, Sie würden sich dem Romanschreiben zuwenden? Alle Ihre Schwächen werden beim Schreiben von Romanen zu Stärken.


Zorro – Der „definitive“ Roman

Im August 2003 klingelte eine Gruppe von völlig unbekannten Personen an der Wohnungstür von Isabel Allende in San Rafael (in der Nähe von San Francisco). Als sie die Tür öffnete und niemanden erkannte, sagte einer der Gruppe: „Uns gehört Zorro.“ Der Anführer der kleinen Gruppe war John Gertz. Sein Vater hatte 1920 die Rechte an der Figur Zorro vom Autor des ersten Groschenromans gekauft. Gemeinsam mit Disney hatte er sich dann daran begeben, eine Vielzahl unterschiedlicher medialer Verkörperungen Zorros in die Welt zu setzen – mit Erfolg, wie meine eigenen Kindheitserinnerungen zeigen. Sie unterhielten sich eine Weile, bis dann irgendwann die Katze aus dem Sack gelassen wurde: John Gertz und seinen Geschäftskollegen war aufgefallen, dass Zorro in Filmen, TV-Sendungen und Comics vertreten war, nur nicht in der „ernsthaften“ Literatur. Also hatten sie sich auf die Suche nach einem Schriftsteller begeben, der den Hintergrund der Figur Zorro mit Leben erfüllen könnte:

Zorro1 Zorro von Isabel Allende – hier mit Klick zur Leseprobe surfen

 

„Someone to fill in the backstory of Zorro, the early years; someone who, like Zorro, knew California well and could think in Spanish; someone with a track record in historical research; someone who could bring a Latin sensibility to the myth of the Mexican-American do-gooder. And so they knocked on Isabel Allende’s door. (…) We have the character and you have the talent to write the book. Are you interested?“

Mitgebracht hatten sie einen ganzen Karton voller Material: Alte Filme, Comics, Aufnahmen der Fernseh-Serien und dergleichen. Und so begann Isabel Allende, sich wieder in den Helden Zorro zu verlieben. Das Resultat dieser literarischen Romanze möchte ich mit diesem Beitrag vorstellen.


Zufall

Dass ich den Roman jemals in die Hand genommen habe, geht auf einen reinen Zufall zurück: 2006 waren wir (damals noch nur zu dritt) in unserem Auto auf einer zweiwöchigen Reise quer durch Schottland. Neben vielen wundervollen Sommertagen ereilte uns ein paar Tage lang auch das unvermeidliche englische Wetter, bei dem sich Regen und Nebel die Klinke in die Hand gaben. Gerade als wir in Inverness angekommen waren, regnete es den ganzen Tag sehr ergiebig von morgens bis abends ohne jede Pause. Also suchten wir kurzentschlossen einen Buchladen auf, kauften ein bisschen frisches Lesefutter, fuhren zu unserer nächsten Unterkunft und verbrachten dann den restlichen Tag gemütlich beim Lesen.

Ich wählte aus einem Regal, das mit dem Slogan „Nimm drei, zahle zwei!“ warb, die angeratenen drei Bücher. Die beiden anderen Bücher habe ich meiner Erinnerung nach niemals angefangen, ich weiß nicht einmal mehr, welche es waren, doch schon die Einleitung von „Zorro“ hat mich so eingefangen, dass ich alles um mich herum vergaß. Mit dem Roman war ich fertig, bevor wir uns wieder auf den Kontinent zurückbegaben.


Handlung

Eine kleine Vorbemerkung muss sein: „Zorro“ ist ein etwa 400 Seiten starker Roman, dessen Reiz in der Illustration fremder Orte, dem Zeichnen von konträren Charakteren und – natürlich – atemberaubender Action liegt, eben genau das, was man von einem klassischen „Abenteuer-Roman“ erwartet. Insofern ist jede Inhaltsangabe von vornherein zum Scheitern verurteilt, denn selbst eine umfängliche Auflistung aller exotischen Orte, an denen die Geschichte in ihrem verworrenen Verlauf spielt, kann niemals die sprachliche Gewandtheit der Autorin widerspiegeln. Und genau die macht den Roman zu einem solchen Genuss. Dennoch werde ich es versuchen, die groben Züge der Handlung darzulegen (der Schweiß tropft schon…):

Diego de la Vega ist der Sohn des aus Spanien stammenden kalifornischen Grundbesitzers Alejandro de la Vega, der im Laufe seines langen Lebens zu einigem Wohlstand und politischem Einfluss gekommen ist, und einer indianischen Mutter namens Toypurnia, die durch den mehrjährigen Aufenthalt beim spanischen Gouverneur Pedro Fages und seiner Frau Eulalia de Callís in eine anmutige Schönheit namens Regina „verwandelt“ wird. Diego wird als einziger Sohn dieser Ehe fast gleichzeitig mit einem weiteren indianischen Jungen namens Bernardo geboren, die beiden wachsen gemeinsam auf – bereits hier in zwei parallelen Gesellschaften: der der hispanoamerikanischen Großgrundbesitzer einerseits und der der Indianer andererseits.

Die formelle Ausbildung übernimmt der örtliche Pater Mendoza, die informelle Toypurnias Mutter Weiße Eule, das weibliche Äquivalent zum Medizinmann ihres Stammes. Im Verlauf eines Initiationsrituals, bei dem Bernardo und Diego nach einigen Tagen des Fastens auf die Suche nach einer Vision geschickt werden, entdecken die beiden ihre jeweiligen Totem-Tiere: Bernardo ein junges Fohlen, Diego einen Fuchs, spanisch „el zorro“.

Als die beiden Jungen zu jungen Männern herangewachsen sind, begeben sie sich gemeinsam in die alte Welt, um in Barcelona zu studieren bzw. (der eigentliche Grund) bei Maestro Manuel Escalante in der Kunst des Fechtens unterwiesen zu werden, dessen Abhandlung über die Fechtkunst sie seit Jahren auswendig beherrschen (und nach deren Anleitung sie ebenso lange trainieren). Kaum sind sie im von den Franzosen besetzten Spanien dort angekommen, wo sie im Haus von Tomás de Romeu, einem Freund von Alejandro de la Vega, wohnen werden, verliebt sich Diego unsterblich in dessen Tochter Juliana. Deren Schwester, Isabel, ein burschikoser Querkopf, freundet sich mit beiden, insbesondere aber Bernardo an.

Alsbald wird Diego ein Fechtschüler von Manuel Escalante, erweist sich – wenig erstaunlich – als sein begabtester und eifrigster Schüler und verdient sich somit Einblick in einige Geheimnisse. Dazu gehört auch die Mitgliedschaft in einer Art Freimaurerbund, der geschworen hat, den Menschen Gutes zu tun und Gerechtigkeit herzustellen. Schon bald wird Diego Mitglied in dieser Vereinigung.

Parallel dazu erhält Diegos Liebenswerben um Juliana einen empfindlichen Dämpfer, denn diese hat schon einen Verehrer, noch dazu einen äußerst aufdringlichen, dem überdies noch schier unerschöpfliche finanzielle Möglichkeiten zur Verfügung stehen: Rafael Moncada (ganz nebenbei bemerkt: Er ist der Sohn der oben erwähnten Eulalia de Callís). Mit unzähligen mehr oder weniger aufrichtigen und teils geradewegs hinterhältigen Tricks versucht er, Juliana davon zu überzeugen, er sei der einzig Wahre für sie. Im Zuge einer dieser Aktionen, die Diego und Bernardo natürlich sofort durchschauen, lernen sie einen Zigeuner-Clan kennen, mit denen es später im Verlauf der Geschichte noch ein paar Berührungspunkte geben wird.

Eines Tages trifft ein Brief aus Kalifornien ein: Bernardo muss sofort nach Hause zurückkehren, da seine Freundin/Frau Blitz in der Nacht mit einem – ihrem gemeinsamen – Kind in der Mission von Pater Mendoza aufgetaucht ist. Trotz aller freundschaftlichen Bande zwischen den beiden jungen Männern ist sofort klar, dass Bernardo zurück nach Amerika reisen muss. Binnen Tagen findet er ein Schiff und geht an Bord – ihn treffen wir erst kurz vor dem Ende der Geschichte wieder.

Nach ein paar Jahren des Studiums in Spanien verändert sich die politische Situation dramatisch: Die Spanier erobern ihr eigenes Land zurück und werfen die Franzosen mit brutaler Gewalt aus dem Land. In der Folge wird die alte Verfassung wieder eingesetzt, die Inquisition reinstitutionalisiert – und eine wahre Säuberungswelle beginnt. Tomás de Romeu, ein erklärter Freund der Franzosen, gerät somit in große Gefahr. Da er keinen nennenswerten politischen Einfluss hat, wähnt er sich nicht in Gefahr und verbleibt mit seiner Familie am Ort. Rafael Moncada sieht in dieser Situation seine Chance gekommen und denunziert ihn kurzerhand, woraufhin er verhaftet wird. Kurz vor seiner Hinrichtung nimmt er Diego noch das Versprechen ab, sich um die beiden Töchter zu kümmern, sie nach Kalifornien zu bringen und sie dort unter den Schutz von Alejandro de la Vega zu stellen.

Nun beginnt eine dramatische Flucht: Diego, Isabel, Juliana und Nuria, die Gouvernante der beiden Mädchen, fliehen – in Lumpen als Pilger verkleidet – auf dem Jakobsweg nach La Coruña. Hier erhalten sie unter anderem Hilfe von den oben bereits erwähnten Zigeunern. Von ihnen lernt Diego im Austausch für einige Dienste, die er ihnen erweist, Unterricht im artistischen Reiten – was sich später noch als sehr hilfreich erweisen soll.

Einige Wochen später erreichen die vier erschöpften „Pilger“ endlich die anvisierte Hafenstadt, dort treffen sie durch Zufall auf einen Schiffskapitän, der ebenfalls Mitglied in eben jenem Geheimbund ist, dem auch Maestro Manuel Escalante und Diego de la Vega angehören. Er schmuggelt sie außer Landes und nimmt sie mit auf eine Reise in Richtung Amerika. Wie es sich für einen echten Abenteuerroman nun einmal gehört, wird das Schiff dann aber in der Karibik von Piraten gekapert. Beim Anblick der hübschen jungen Damen ist sofort klar, dass hier ein großes Lösegeld zu holen sein müsste. Also nimmt der Pirat Jean Lafitte alle vier gefangen. Und es passiert, was Diego immer für unmöglich gehalten hatte: Juliana, seine angebetete Juliana, verliebt sich Tage Hals über Kopf in den charmanten Seeräuber. Dessen Frau ist bei der Geburt ihres ersten Sohnes gestorben. Nach ihrer schnell anberaumten Hochzeit, gegen die Diego fruchtlos protestiert, dürfen die verbliebenen drei Flüchtlinge weiter gen Kalifornien ziehen.

Als sie endlich dort ankommen, ist aber nichts so, wie es einmal gewesen war: Rafael Moncada, von beinahe irrem Rachedurst angetrieben, hat seinen gesamten Reichtum eingesetzt, um politischen Einfluss in Kalifornien zu gewinnen. Dann hat er systematisch Alejandro de la Vega mit falschen Anschuldigungen ins Gefängnis gebracht, wo dieser – mittlerweile ein alter Mann – mehr tot als lebendig vor sich hin vegetiert. Die Indianer, die früher in überwiegend friedlicher Koexistenz zu den Weißen in ihren Dörfern lebten, haben sich weit in die Wildnis zurückgezogen. Moncada lässt immer wieder Indianer fangen, die dann als Sklaven nach Perlen tauchen müssen, mit denen er seinen Reichtum weiter vergrößert. Jeder Leser erkennt: Eine Aufgabe, die nur der legendäre Zorro lösen kann.

Wie genau er das auflöst, darf ich hier nicht verraten, denn ein kleines bisschen Spannung muss ich den Interessenten ja noch aufheben. Ein kleiner Tipp noch: Die gesamte Geschichte wird aus einer faszinierenden Perspektive geschrieben (eben nicht aus der Sicht des allwissenden Erzählers). Ganz am Schluss wird dies endlich mit Sicherheit aufgeklärt – und sorgt somit ein weiteres Mal für Erheiterung beim Leser.


Nuria

Ein für den Verlauf der Handlung nur bedingt wichtiger, aber einfühlsam und humorvoll geschilderter Charakter ist Nuria, das „Kindermädchen“ für Juliana und Isabel de Romeu. Zuerst nimmt man sie als eine typische strenge und allen nicht der Kernfamilie angehörenden Personen gegenüber extrem reservierte Gouvernante wahr, doch im Verlauf der dramatischen Ereignisse entpuppt sie sich als wahrer Engel für alle, die mit ihr zu tun haben. Aus ihrer anfänglichen Zurückhaltung Diego und Bernardo gegenüber wird bald eine innige Zuneigung, immer und immer wieder zaubert sie ein Schmunzeln auf das Gesicht des Lesers. Meine Frau und ich waren von diesem herrlich lebendig beschriebenen Charakter so angetan, dass wir den Namen Nuria unserer jüngsten Tochter gaben. Und er passt auch perfekt zu ihr…


Hörbuch

Es gibt auch eine sehr gelungene Hörbuch-Fassung (insgesamt 14 CDs), die von der österreichischen Schauspielerin Sissy Höfferer gelesen wird.

Zorro2 Zorro: Ungekürzte Lesung – mit Klick zur Hörprobe surfen

Bei einer Gesamtdauer von etwa 16 Stunden — es handelt sich um die ungekürzte Romanfassung — kommt nie auch nur für einen Moment Langeweile auf, da jeder einzelne Charakter von Sissy Höfferer auf eindringliche Weise so dargestellt wird, wie es zur Geschichte passt. Auch der Schalk, der an vielen Stellen durch die Handlung blitzt, wird von ihr im genau richtigen Maß verkörpert. Wer sich dieses Hörbuch gönnt, macht unter Garantie keinen Fehler!


Fazit

Wirkliche Abenteuerromane sind meiner Wahrnehmung nach in den letzten Jahren rar geworden. Mit „Zorro“ ist Isabel Allende jedoch ein derartiges Glanzstück gelungen, dass man sich ernsthaft fragen darf, warum dieses Genre nicht mehr so beliebt zu sein scheint. Wie schon erwähnt besticht der Roman durch faszinierende Charaktere, die so liebevoll gezeichnet werden, dass die Bösewichte einen bis in den von Albträumen zerrütteten Schlaf und die Helden bis in die gloriosesten Tagträume hinein verfolgen. Gleichzeitig spielt er in einer Zeit, in der die Welt noch so groß und weit war und so viel zu entdecken bot, dass eine Reise fast von allein zu einem Abenteuer geriet — ob man wollte oder nicht. Diese Lust am Entdecken, an der Vorfreude und gleichzeitig Angst vor der Überraschung, die hinter jedem Winkel lauerte, hat Isabel Allende mit großem Geschick eingefangen und auch dem heutigen Leser so anmutig präsentiert, dass man sich mit fast kindlicher Faszination von ihr in diese Welt voller Wunder entführen lässt. Und die Reise ist es wert. Darüber hinaus ist Isabel Allende das schier Unmögliche gelungen: Sie hat aus der Vielzahl sich teils widersprechender Legenden um die Figur Zorro eine zusammenhängende und stimmige Geschichte gewoben, die für alle seine späteren Fähigkeiten, für seinen Gerechtigkeitssinn, kurz: für seinen gesamten Charakter eine plausible Erklärung bietet. Allein deshalb lohnt es sich, den Roman zu lesen, denn alle Kindheits-Mythen bezüglich dieses Wild West-Robin Hoods fügen sich danach wie die Teile eines Puzzles zu einem größeren Ganzen zusammen.


verfasst von Solera1847

{GELESEN & BUCHTIPP} Seelenblind von Catherine Shepherd

via rp-online.de

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Assassin’s Creed trifft Sherlock Holmes!

Zuerst möchten wir uns bei Catherine Shepherd recht herzlich für das uns zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar von “Seelenblind” bedanken. Wir fiebern derweil mit Catherine der Buchveröffentlichung entgegen und sind sehr stolz, dass wir Catherine seit längerer Zeit begleiten dürfen auf ihrem Weg zum Thriller-Olymp.

Die Gegenwart: Michelle findet sich plötzlich im Krankenhaus wieder und kann keine Gesichter mehr erkennen. Nach und nach erfährt sie, während der Ermittlungen und Befragungen durch Kriminalkommissar Oliver Bergmann, dass sie von einem gefährlichen Serien-Killer entführt wurde und dass sie nur mit viel Glück lebend entkommen konnte. Die Lage spitzt sich dann noch mehr zu, als auch die Lebenspartnerin des Kriminalkommissars Bergmann entführt wird.

Zons vor über 500 Jahren: Der Stadtsoldat Bastian Mühlenberg steht eines Tages vor einer brutal zugerichteten Leiche. Sofort nimmt er die Jagd nach dem Mörder auf. Doch die Suche nach dem Killer entpuppt sich zunehmend als schwierig, da Bastian Mühlenberg nur schleppend an konkrete Hinweise herankommt. Als zudem sein Freund Wernhart lebensgefährlich verletzt wird, muss der Stadtsoldat Bastian Mühlenberg sich bald etwas einfallen lassen, um den Täter schnellst möglichst zu fassen.

5 von 5


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Ich bin auch dieses Mal meiner persönlichen Catherine Shepherd-Tradition treu geblieben und habe mir das Allerbeste zum Schluss aufgehoben. Wieder einmal habe ich jede Zeile dieses grandiosen Thrillers ausgekostet und bis zuletzt genossen. Und wieder ist es vor allem Shepherds einmalig dichtem Schreibstil zu verdanken, dass man als Leser von der Handlung bis zum Schluss gefesselt wird. Die Sichtweise der Charaktere und deren Überlegungen, Ängste und Hoffnungen kommen dermassen realistisch rüber, dass ich mir Michelle, Bastian und alle anderen Charaktere des Romans lebensecht vorstellen konnte. Selbstverständlich auch der Mörder… fröstel fröstel! Das Spiel mit den zwei Zeitepochen (der Gegenwart und Zons vor über 500 Jahren) gefällt mir persönlich sehr gut und oft erinnerte mich vor allem der Part aus Zons im Jahre 1497 an eine Mischung aus dem Videospiel „Assassins Creed“ und einer düsteren Version von Sherlock Holmes. Kein Wunder gewinnt die Autorin zunehmend immer mehr Fans, erfindet sie doch das Genre auf unorthodoxe Weise neu und das gefällt.

Auch mit diesem Thriller macht Catherine Shepherd vor, wie man verdammt gute als auch innovative Thriller schreibt. Mir persönlich hat die Aufteilung in zwei Zeitepochen wie gesagt sehr gut gefallen, ich kann mir aber vorstellen, dass es dem einen oder anderen dennoch missfallen könnte.

Zum Glück bleibt Shepherd ihrer Linie treu und liefert mit dem nun 6. Teil der Zonsreihe einen ebenbürtigen Nachfolgeroman.

Seelenblind von Catherine Shepherd, Kafel Verlag, 356 Seiten, Leseprobe, rezensiert von Cristoforo

{GEHÖRT} Der Gerechte von John Grisham

Bild via bookstoeat.com

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Ein Grisham, der uns Leser entweder zu schaffen macht oder uns optimistisch stimmt. Eines ist sicher: für einen Funken Irritation bei seinen Lesern hat der Autor auf alle Fälle mit seinem neuen Werk gesorgt.

„Grisham! Kenn ich, gibt’s doch auch Filme von! Was für ein grelles Cover, so schön rot, so aggressiv! Irgendwie habe ich grade Lust auf einen Justizthriller. Ach ja, warum eigentlich nicht. Au weia, der Auflauf muss aus dem Backofen!“ Ich schmeisse mein Handy auf das Sofa und renne zum Backofen. Fix schaufel ich mir meinen Anteil auf einen Teller und setze mich wieder auf das Sofa im Wohnzimmer. Jetzt aber das Hörbuch laden und lauschen….

Die Geschichte handelt von Sebastian Rudd, einem etwas zwielichtigen Anwalt, der sich vor allem um die kriminelle „Unterschicht“ Klientel kümmert, was nicht bedeutet, dass diese nicht durchaus über ein ansehnliches Vermögen verfügt. Drogendealer, Mörder, Vergewaltiger, Rudd ist Idealist und davon überzeugt, dass jeder Mensch einen fairen Prozess verdient. Seine Kanzlei ist genauso eigen wie Sebastian Rudd selbst, besteht sie doch lediglich aus einem umgebauten Lieferwagen inklusive Bar und Waffenschrank. Unterstützt wird Rudd von seinem langjährigen Freund, der ausschliesslich als Fahrer für ihn fungiert.

Und wovon handelt denn nun die Geschichte zu diesem neuen Grisham Protagonisten?

Total Grisham untypisch treffen wir statt auf eine einzelne Story auf mehrere Handlungsstränge, die Rudd’s und des Lesers ganze Aufmerksamkeit fordern. Zu Beginn scheint es Grisham vor allem darauf angelegt zu haben, dass der Leser seinen Anwalt Sebastian Rudd und dessen Umfeld kennenlernt, weshalb man sich als Leser auch ziemlich schnell mitten im Leben des vielbeschäftigten Anwalts wiederfindet. Von dort steigen wir mit Rudd auf das Justizkarussell und lassen uns über mehrere Runden von verschiedenen Fällen einlullen. Dies gestaltet das Hören des Hörbuches teilweise etwas schwierig, weil die Story verwinkelt und mehrgleisig fährt.

Es kam mir vor, als ob ich die erste Staffel einer Serie vorgelegt bekommen und diese in einem Rutsch konsumiert hätte. Wäre Grishams Protagonist Sebastian Rudd nicht so ungemein kantig und interessant, wäre dieses Konzept wahrscheinlich als Buch gescheitert. Den einzigen roten Faden bildet Rudd’s Privatleben, das von seinem immerwährenden Kampf mit der Ex-Frau, von seinem Sohn und seiner Vorliebe für Käfigkämpfe handelt.

 

3 von 5

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Hier reinlesen oder reinhören!

Als Leserin gebe ich zu, dass ich etwas gespalten bin. Einerseits bin ich von Rudd begeistert und gut unterhalten von dessen Privatleben. Andererseits gibt es da auch die Seite in mir, der schlichtweg die konventionelle Ein-Plott Umsetzung fehlt. Ich konnte nicht herausfinden, ob Grisham plant, mit Rudd weitere Bücher zu füllen. Könnte es mir aber durchaus gut vorstellen. Denn sein Protagonist ist zu gut aufgebaut, um ihn jetzt fallen zu lassen. Und wenn er ihn fallen lassen würde, erschiene der Roman umso nichtsaussagender.

Natürlich erfährt man von Grisham wieder interessante Fakten zum amerikanischen Rechtssystem. So wusste ich z.B. nicht, dass die millionenhohen Klagesummen eher etwas über die „Wichtigkeit“ einer Anklage aussagen, als darüber, was am Ende ausbezahlt wird. Diese ausbezhalte Summe läge, gemäss Grisham, fast nie über einer Million. Lediglich durch die „Unsumme“ würde ausgedrückt, dass mit dem Ankläger nicht zu spassen ist: quasi einer Art Kampfgebrüll unter Anwälten.

Abschliessend vergebe ich 3 von 5 Sternen für den Wiedererkennungswert des Protagonisten und die interessanten Fakten zum Rechtssystem der USA. Weil mir die Mannigfaltigkeit an Fällen etwas zuviel des Guten war und der Roman insgesamt trotz ungekürzter Ausgabe in sich unfertig erscheint, ziehe ich 2 Sterne ab.

Der Gerechte von John Grisham, Randomhouse Audio,  14 Std. 43 Minuten, Lese- und Hörprobe, rezensiert von Virginia

Die Rezension für Menschen mit wenig Zeit: Baba Dunjas letzte Liebe

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Was
Baba Dunja ist eine Tschernobyl-Heimkehrerin. Wo der Rest der Welt nach dem Reaktorunglück die tickenden Geigerzähler und die strahlenden Waldfrüchte fürchtet, baut sich die ehemalige Krankenschwester mit Gleichgesinnten ein neues Leben auf. Wasser gibt es aus dem Brunnen, Elektrizität an guten Tagen und Gemüse aus dem eigenen Garten. Die Vögel rufen im Niemandsland so laut wie nirgends sonst, die Spinnen weben verrückte Netze, und manchmal kommt sogar ein Toter auf einen Plausch vorbei. Während der sterbenskranke Petrov in der Hängematte Liebesgedichte liest, die Gavrilovs im Garten Schach spielen und die Melkerin Marja mit dem fast hundertjährigen Sidorow anbandelt, schreibt Baba Dunja Briefe an ihre Tochter Irina, die Chirurgin bei der deutschen Bundeswehr ist. Und an ihre Enkelin Laura. Doch dann kommen Fremde ins Dorf – und die Gemeinschaft steht erneut vor der Auflösung.

Warum
Weil Sophie Rois diesem Roman erst seinen wahren Charakter einhaucht mit ihrer perfekten Interpretation Baba Dunjas. Wer das Buch liest, verpasst das Beste an dieser auch sonst schon herzerwärmenden Geschichte aus Sicht einer Oma, die man einfach liebhaben muss. Alina Bronsky hat mit Baba Dunja ein kurzes aber intensives Stelldichein verfasst, an das man noch gerne zurückdenkt aufgrund des lieblichen Humors und der eigenbrötlerischen Charaktere.

Wieviel
5 von 5

 

Lese- und Hörprobe

{GELESEN & BUCHTIPP} Krähenmutter von Catherine Shepherd

via rp-online.de

Bild via rp-online.de

Nebst der Zons-Thriller-Reihe wagt sich Catherine Shepherd an den ersten, in sich abgeschlossenen Thriller: Krähenmutter. Gewohnt souverän im Aufbau, gespickt mit plastischen Charakteren zerrt Shepherds neuer Thriller an den Mutterinstinktnerven.

Zuerst möchten wir uns bei Catherine Shepherd recht herzlich für die uns zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar von “Krähenmutter” bedanken. Ausserdem wünschen wir ihr viel Erfolg und gute Verkäufe für die Veröffentlichung beim Piper Verlag. Wir gönnen Catherine den Erfolg von ganzem Herzen.

Eine Mutter mit ihrem Kinderwagen. Während die Mutter sorglos ihr Baby mit sich führt und währenddessen ihren Einkauf im Supermarkt zusammenstellt, wartet eine Unbekannte auf den richtigen Moment, um das Baby mitzunehmen. Eigentlich hat die Unbekannte bereits viele Kinder, doch dieses eine Baby fehlt noch in ihrer Familie. Ein kurzer Blick in den Kinderwagen hat ausgereicht, um sich in das Baby zu verlieben. Sie muss es einfach haben. Ein Moment der Unaufmerksamkeit der Mutter und das Baby liegt nicht mehr in seinem Wägelchen.

Die Ermittlerin Laura Kern nimmt sich des Falles an. Was zuerst wie eine einfache Kindesentführung erscheint, entpuppt sich zunehmend als kompliziertes Puzzle. Dass das sechs Monate alte Baby der Sohn eines mächtigen Unternehmers ist, zieht vorerst keine grosse Aufmerksamkeit auf sich. Doch Kerns Ermittlungen bringen viele Ungereimtheiten des Unternehmens an den Tag. Als plötzlich auch noch ein Pärchen-Mörder sein Unwesen in der Stadt treibt, spitzt sich die Lage zu. Gibt es einen Zusammenhang?

5 von 5

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Nachdem ich bereits Shepherds Tiefschwarze Melodie mit grosser Freude gelesen habe, wollte ich mir auch ihren neuesten Streich für den „richtigen Moment“ aufbewahren. Oder wie man so schön sagt: „das Beste kommt zum Schluss.“ Und das Warten hat sich durchaus gelohnt. Oh ja, und wie! Wieder einmal hat mich vor allem das Verhalten der verschiedenen Charaktere beeindruckt und gefesselt. Erst zum Schluss des Romans konnte ich wieder etwas aufatmen. Die Charaktere (u.a. die Entführerin) stellen sich dermassen plastisch dar, dass man sich bei einer sehr gut gemachten Krimiserie vor dem heimischen TV wähnt.

Die Spannungsmomente sind gekonnt dosiert und genau richtig platziert. Die Autorin hüllt auch diesen Roman in die von ihr typisch düstere Atmosphäre. Die Story lebt von den Ereignissen, die den Protagonisten widerfahren und wie diese mit ihrer individuellen Situation umgehen. Der Plot ist auch in diesem abgeschlossenem Thriller gut durchdacht und überragend umgesetzt. Eine absolute Stärke der Autorin.

Wer düstere Psycho-Thriller mit interessanten Charakteren mag, sollte diesen Roman lesen. Nur wer auch etwas Action mag, sollte auch die neuesten Bücher von Tess Gerritsen lesen. Mein Tipp: „Lest einfach Thriller von beiden Autorinnen!“ Schliesslich handelt es sich bei beiden um „die Königinnen“ ihres Genres.

Krähenmutter von Catherine Shepherd, Kafel Verlag, 330 Seiten, Leseprobe, rezensiert von Cristoforo

{GELESEN} Jakobs Ross von Silvia Tschui

Bild via newsnetz.ch

 

Für Schweizer liest sich das Buch wie eine Buchstaben-Oper. In elegantem und altertümlichem Schweizerdeutsch lässt die tragische Geschichte der Elsie das Schweizer Kopfkino auf Hochtouren laufen. Lediglich mit gerade mal 208 Seiten ist es etwas zu kurz geraten.

…Unten an der Sihl stehen die Jenischen verhudlet um ihr schmauchiges Eibenastfeuer, der Schatten waberet, und sie ziehen ihre Chöpf ein. Der Jenisch stolperet mit einem Dolch in der Hand aus seinem Scharotl, und seine Mamme jammeret hinter ihm her: „Tues nöd, tues nöd, so nöd!…“

Elsie möchte gerne Musikerin werden und ihr künstlerisches Talent ausleben. Elsie würde gerne in Florenz mit Menschen singen und musizieren. Doch im Jahre 1869 als einfache Magd in einem guten Haus oberhalb des Zürichsees hat Elsie nicht viel zu lachen und schon gar nicht die Zeit tagsüber zu träumen. Sie hat nur ihre Arbeiten zu erledigen. Doch gerade als sie glaubt, endlich als Sängerin entdeckt worden zu sein, scheint das Schicksal Elsie wieder einen Strich durch die Rechnung zu machen.

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Wie mächtig und schön doch unser Schweizerdeutsch sein kann, habe ich wieder einmal mit diesem Buch erfahren. Ich beherrsche selber das Schweizerdeutsch (bin in der Deutsch-Schweiz aufgewachsen), weswegen ich nach einer kurzen Eingewöhnungsphase das Buch dermassen fliessend lesen konnte, als würde ich einen Roman in deutscher Sprache lesen. Das altertümliche Schweizerdeutsch wurde derart gekonnt eingesetzt, dass es bei mir bewirkte, dass ich mir die Charaktere vom ersten Satz an plastisch vorstellen konnte. Die Geschichte selbst spielt zwar während des 19. Jahrhunderts, doch das Thema der Fremdbestimmung ist nach wie vor ein zentrales Thema, auch in der angeblich so demokratischen Schweiz. Der Plot ist gut, scheint mir aber etwas zu gewollt verdreht worden zu sein, da die Autorin dem Trend der zeitgenössischen Schriftsteller folgt und zwischen den Kapiteln hin und her springt, statt diese chronologisch anzuordnen. Kann man so machen, aber es gestaltet die sonst interessante Geschichte nicht wesentlich spannender. Was ich an den Werken der meisten Schweizer Autoren immer wieder bemängele, ist ihr zwanghafter Drang, kleine aber teure Bücher zu produzieren. Und auch Silvia Tschui folgt in ihrem ersten Roman dieser Schweizer Tradition. Schade, denn wie ein Erstlingswerk fühlt sich das Buch auf gar keinen Fall an und ich hätte gerne mehr davon gelesen.

Jakobs Ross von Silvia Tschui, Nagel & Kimche,  208 Seiten, rezensiert von Cristoforo

{GELESEN} Das Komplott zu Lima von Roberto Schopflocher

Quelle: Frankfurter Verlagsanstalt

Quelle: Frankfurter Verlagsanstalt

 

Erwachsen und nüchtern berichtet Roberto Schopflocher über eine grausige Ära, Peru im 17. Jahrhundert: der Zeit der Inquisition.

Wir möchten uns zuerst herzlich bei der Frankfurter Verlagsanstalt für das schöne Rezensionsexemplar bedanken.

Peru im 17. Jahrhundert. Die Inquisition fordert in ganz Peru und so auch bei Familie Acosta ihren zerstörerischen Tribut. Die Acostas sehen ihren einizgen Ausweg aus der Misere bestehend aus Folter, Verfolgung und Mord gezwungenermassen in der Flucht. Durch Brasilien, über Chile, via Lima direkt nach Buenos Aires treibt die Angst unsere Familie Acosta auf einen unsicheren Weg in die Zukunft. Elvira Acosta, seit ihrer Kindheit geprägt von vielen Verlusten und Opfern, die die Inquisition bereits mit sich brachte, schafft es dennoch, sich ein Leben für sich zu erschaffen und ihren Wurzeln stets treu zu bleiben.

 

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Im Grunde genommen bleibt sich alles immer gleich. Die Welt dreht sich weiter, Menschen streben immerzu nach Macht (vor allem die Falschen) und belügen, manipulieren und schrecken auch vor Mord nicht zurück, um ihre dubiosen und egoistischen Ziele zu erreichen. Was vor rund 400 Jahren in Peru geschah, passiert im Grunde genommen auch heute noch. Direkt, ungeschönt und brutal, direkt vor unserer Haustür. Gerade erst erreichten uns Meldungen über die diversen Attentate in Paris, die wieder einmal mehr viele unschuldige Opfer mit sich brachte. Und wozu das alles?

Genau diese Fragen stellte ich mir nach dem Lesen von Roberto Schopflochers Vergangenheitsrekonstruktion. Was von Anfang an bei mir beim Lesen gut rüberkam, war die verzweifelte Suche einer Familie nach einer Heimat. Eine Familie, die viel Leid und Verlust auf sich nehmen musste. Die beständige Suche der Acostas nach einem sicheren Heimathafen hat mich zwar innerlich auch etwas auf unschöne Art und Weise aufgewühlt, wusste es aber vor allem gekonnt, mich durch die tragische Verfolgungsgeschichte der Familia Acosta und speziell von Elvira Costa zu führen.

Den Schreibstil des Autors könnte man als „eher nüchtern“ bezeichnen. Dieser liess es stellenweise nicht zu, dass ich beim Lesen wirklich mitfühlen konnte. Das Komplott zu Lima ist demnach für mich eine sehr gut konstruierte Erzählung, mit eher wenig emotionalen Komponenten, obwohl deutlich mehr Inhalt in Schopflochers Geschichte steckt. Erst durch die tragischen Ereignisse von Paris kamen die entsprechenden Emotionen, die ich mir eigentlich vom Buch vermittelt gewünscht hätte, hoch. Schopflochers‘ gut rekonstruierte Geschichte ist vor allem für erwachsene Leser äusserst lesenswert.

Wer Tragik, Melancholie und Emotionen sucht, sollte auf andere Bücher zurückgreifen. Wer jedoch einen etwas erwachseneren und nüchterneren Aufbau einer tragischen Familiengeschichte, die vor rund 4 Jahrhunderten ihre Kreise zieht, sucht, liegt mit Das Komplott zu Lima goldrichtig. Wir vergeben 4 von 5 Sternen.

Das Komplott zu Lima von Roberto Schopflocher, Frankfurter Verlagsanstalt,  448 Seiten, Leseprobe, rezensiert von Cristoforo

{GELESEN & BUCHTIPP} Der Wüstenplanet von Frank Herbert

via postdefiance.com

via postdefiance.com

Wer einen echten Kult-Klassiker und ein immer noch aktuelles Science-Fiction Buch sucht, der sollte unbedingt zugreifen. Wer eher auf schnelle Lektüre mit Mainstream-Charakter setzt, sollte sich dann doch eher anderswo umsehen, denn Der Wüstenplanet fordert eine gewisse Einarbeitungszeit, die sich aber durchaus bezahlt macht.

Der Wüstenplanet Arrakis (von den Einheimischen Dune genannt) verfügt über eine Gewürzressource (Spice); eine Droge, die den Menschen übersinnliche Fähigkeiten beschert. Die Navigatoren benützen die Droge, um in die Zukunft sehen zu können und um damit interstellare Reisen durchführen zu können. Drei Spezies streiten sich um die Macht des Gewürzes. Das Fürstenhaus Atreides, die Harkonnen und die Fremen.

Doch die Nutzung des Spices birgt auch Gefahren. Wie andere Drogen auch, so kann das Spice süchtig machen und schwerwiegende bewusstseinsverändernde Nebenwirkungen oder Alterungsprozesse mit sich bringen. Als Paul aus dem Hause Atreides, Sohn von Herzog Leto, nach dem Tod seines Vaters, seinen Weg nach Arrakis (Dune) findet, entdeckt Paul seine besondere Begabung im Umgang mit Spice. Die Fremen glauben, in Paul ihren Messias aus der Prophezeiung gefunden zu haben und nennen ihn fortan Muad’Dib. Doch kann Paul die gewünschte Revolution wirklich herbeiführen?

 

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hier reinlesen!

 

Ich kannte vor diesem Roman lediglich den Kultfilm aus dem Jahr 1984 unter der Regie von David Lynch. Er ist auch tatsächlich einer meiner favorisierten Science Fiction Filme. Doch als ich dann das Buch las, merkte ich, wie verworren die ganze Geschichte von Frank Herbert tatsächlich ist. Ganze Nationen und Familientraditionen (und auch Fanatismus) werden im Buch behandelt. Der Aufbau der Story ist dermassen komplex, dass man eine gewisse Einlesezeit benötigt, um sich mit dem Buch wirklich wohl zu fühlen. Hier empfehle ich doch zuerst den Film zu schauen.

Doch was nach der Eingewöhnung folgt, ist ein durch und durch lebensechtes Science Fiction Spektakel, das seinesgleichen sucht. Mit diesem Roman aus dem Jahre 1965 erschuf der Autor eine einzigartige Welt, die bis heute als Grundlage für viele Werke dient. Oft dachte ich an Mario Puzos „Der Pate“, denn die durchdachten familiären Konflikte, Korruption und Politik in Dune scheinen tatsächlich aus einem Mafia-Epos zu stammen. Hinzu kommt der Aspekt des Glauben (auch an Gott), dem damit verbundenen Fanatismus und die Erwartung der Ankunft eines Messias (Paul), der mit Hilfe der Drogen den Planeten retten soll. Und da wären auch die vielen Lügen und Intrigen der Ranghöchsten der Fürstenhäuser (oder wie wir sagen würden: Politiker).

Nach dem Lesen des ersten Buches werde ich mir eine Dune-Künstlerpause gönnen und andere Bücher aus dem Repertoire lesen. Doch ich werde in Zukunft noch fünf Mal (es sind total 6 Bücher) nach Dune reisen.

Wer einen echten Kult-Klassiker und ein immer noch aktuelles Science-Fiction Buch sucht, der sollte unbedingt zugreifen. Wer eher auf schnelle Lektüre mit Mainstream-Charakter setzt, sollte sich dann doch eher anderswo umsehen, denn Der Wüstenplanet fordert eine gewisse Einarbeitungszeit, die sich aber durchaus bezahlt macht.

DUNE- Der Wüstenplanet von Frank Herbert, Heyne Verlag, 880 Seiten, Leseprobe, rezensiert von Cristoforo

{GELESEN} Der Glasgarten von Christa Hein

via boersenverein-bayern.de

 

Vor allem bei entsprechend melancholischer Stimmung ein grossartiger Lesegenuss. Verträumt und wie auf Wellen getragen, taucht man mit Protagonistin Julie in die Untiefen familiärer Geheimnisse ein.

Wir möchten uns zuerst herzlich bei der Frankfurter Verlagsanstalt für das schöne Rezensionsexemplar bedanken.

Nach dem Tod ihrer Mutter erbt Julie ein Cottage an der französischen Nordatlantikküste. Zeitgleich erfährt Julie auch zum ersten Mal von der Existenz ihrer angeblichen Halbschwester: Florence. Sofort macht Julie sich auf dem Weg zur Küste Frankreichs, um mit den Recherchen über ihre Familienhistorie zu beginnen. Doch auf ihrer Suche nach Antworten stösst Julie auf tief verborgene Familiengeheimnisse, die sie sich nie hätte erträumen lassen. Als sich ihre ganze Familie quer stellt und jemand Julies Recherchen sogar zu verhindern versucht, wird ihr klar, dass sie ungewollt zu viele Geheimnisse aufwirbelt.

Julies Suche nach ihrer Halbschwester an der französischen Nordatlantikküste entpuppt sich als schon fast poetische Reise, die den Leser in die Mitte einer geheimnisumwobenen Familie entführt. Christa Heins aussergewöhnlich verträumter Schreibstil mit entsprechend passendem Setting (die nordfranzösische Küstenlandschaft) hat mir persönlich gut gefallen. Beim Lesen fühlte ich mich wie in einem Traum über das offene Meer, nur von den Wellen getragen.

 

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Glasgarten von Christa Hein
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Doch das verträumte Wellengleiten barg für mich als Leser auch eine Gefahr. Ob von der Autorin beabsichtigt oder nicht, kann ich letztlich nicht beurteilen, aber oft fühlte ich mich beim Lesen, wie ich mich im weiten Meer und in nächtlichen Träumen fühle: verloren und schutzlos. Was das Lesen für mich faszinierend aber zugleich auch anstrengend gestaltete und intensive, melancholische Gefühle weckte, die mir nicht immer behagten.

Die Charaktere gehen in der Geschichte keine Umwege, sondern führen den Leser strikt geradeaus Richtung Ziel, der Auflösung des grossen Familiengeheimnisses. Dies führt leider zu einer etwas statischen Aneinanderreihung von Ereignissen auf engstem Leseraum.

Ja, die Familiengeschichte ist mit etwas mehr als 300 Seiten vielleicht zu kurz geraten. Einerseits liest sie sich wie in einem Traum und zugleich wirkt sie durch die Kürze etwas statisch und unfassbar. Die Charaktere funktionieren zwar gut, bleiben aber durch das zu schnelle und zielstrebige Handeln konturlos und oberflächlich.Ich könnte mir vorstellen, dass mehr Raum für den Charakteraufbau in Form von mehr Seiten, der interessanten Geschichte sehr gut getan hätte.

Ich wollte nun mal sehr gerne viel mehr über Julie und ihre Familie erfahren.

Dennoch der Roman ist ein Lesegenuss, den es sich vor allem bei entsprechend melancholischer Stimmung zu lesen lohnt.

Der Glasgarten von Christa Hein, Frankfurter Verlagsanstalt,  320 Seiten, Leseprobe, rezensiert von Cristoforo

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