{GELESEN} Jakobs Ross von Silvia Tschui

Bild via newsnetz.ch

 

Für Schweizer liest sich das Buch wie eine Buchstaben-Oper. In elegantem und altertümlichem Schweizerdeutsch lässt die tragische Geschichte der Elsie das Schweizer Kopfkino auf Hochtouren laufen. Lediglich mit gerade mal 208 Seiten ist es etwas zu kurz geraten.

…Unten an der Sihl stehen die Jenischen verhudlet um ihr schmauchiges Eibenastfeuer, der Schatten waberet, und sie ziehen ihre Chöpf ein. Der Jenisch stolperet mit einem Dolch in der Hand aus seinem Scharotl, und seine Mamme jammeret hinter ihm her: „Tues nöd, tues nöd, so nöd!…“

Elsie möchte gerne Musikerin werden und ihr künstlerisches Talent ausleben. Elsie würde gerne in Florenz mit Menschen singen und musizieren. Doch im Jahre 1869 als einfache Magd in einem guten Haus oberhalb des Zürichsees hat Elsie nicht viel zu lachen und schon gar nicht die Zeit tagsüber zu träumen. Sie hat nur ihre Arbeiten zu erledigen. Doch gerade als sie glaubt, endlich als Sängerin entdeckt worden zu sein, scheint das Schicksal Elsie wieder einen Strich durch die Rechnung zu machen.

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hier geht’s zur Leseprobe

 

Wie mächtig und schön doch unser Schweizerdeutsch sein kann, habe ich wieder einmal mit diesem Buch erfahren. Ich beherrsche selber das Schweizerdeutsch (bin in der Deutsch-Schweiz aufgewachsen), weswegen ich nach einer kurzen Eingewöhnungsphase das Buch dermassen fliessend lesen konnte, als würde ich einen Roman in deutscher Sprache lesen. Das altertümliche Schweizerdeutsch wurde derart gekonnt eingesetzt, dass es bei mir bewirkte, dass ich mir die Charaktere vom ersten Satz an plastisch vorstellen konnte. Die Geschichte selbst spielt zwar während des 19. Jahrhunderts, doch das Thema der Fremdbestimmung ist nach wie vor ein zentrales Thema, auch in der angeblich so demokratischen Schweiz. Der Plot ist gut, scheint mir aber etwas zu gewollt verdreht worden zu sein, da die Autorin dem Trend der zeitgenössischen Schriftsteller folgt und zwischen den Kapiteln hin und her springt, statt diese chronologisch anzuordnen. Kann man so machen, aber es gestaltet die sonst interessante Geschichte nicht wesentlich spannender. Was ich an den Werken der meisten Schweizer Autoren immer wieder bemängele, ist ihr zwanghafter Drang, kleine aber teure Bücher zu produzieren. Und auch Silvia Tschui folgt in ihrem ersten Roman dieser Schweizer Tradition. Schade, denn wie ein Erstlingswerk fühlt sich das Buch auf gar keinen Fall an und ich hätte gerne mehr davon gelesen.

Jakobs Ross von Silvia Tschui, Nagel & Kimche,  208 Seiten, rezensiert von Cristoforo

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