Virginia und das literarische Dilemma quantitativer Art

Erinnert sich noch irgendwer von Euch, wie es früher war, wenn man ein Buch lesen wollte und sich einen aktuellen Roman aussuchen wollte? Da gab es vielleicht grad mal 3-4 im Angebot, die man unbedingt lesen wollte. Es gab ja auch nur diese 3-4 Stück auf dem Markt und man konnte sie alle in Ruhe lesen, ohne die nachfolgenden zu verpassen. Heute kommen soviele neue Bücher in einem Aufwasch auf den Markt, dass man immer mit dem Problem der Wahl konfrontiert ist, dem Priorisieren wider Willen. Ich will sie alle lesen, aber wie? Das geht gar nicht mehr.

Früher war das doch einfacher.

via cutlerlibrary.blogspot.com

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Man ging in die Bibliothek, u.a. weil Bücher eh zu teuer waren, und hat dann den heiss erwarteten Bestseller reserviert um danach Wochen darauf zu warten, bis man auch mal an der Reihe war. Das war zwar evt mühsamer, aber im Vergleich zu heute, wo man jedes Buch innert Sekunden auf sein Smartphone runterladen könnte oder auf seinen kindle, ist das mit der Vorfreude so eine Sache. Die wird quasi übergangen, eliminiert. Dabei war genau das Warten auf das Buch so ehrfürchtig, dass man, wenn man dann endlich das Buch in der Hand hatte, den Lesespass gleich dreifach einheimsen konnte, schliesslich hat man lange darauf gewartet. Es fühlte sich an wie ein kleiner, errungener Sieg im Alltag.

Das vermisse ich extrem, dieses einseitige Konsumieren geht mir oft gegen den Strich. Ein Buch ist einfach nur ein weiteres Buch, das man lesen könnte, aber nicht muss und vielleicht auch nicht mal kann. Es gibt keine legitimen Gründe mehr, die der Vorfreude gerecht werden. Vielleicht sehe ich das auch etwas zu „schattig“, weil ich noch ein Kind der Vordigitalzeit bin. Ich wünsche mir oft die alte Zeit zurück, in der alles länger gedauert hat, weniger stressig war und intensiver und nicht zuletzt echter, weil nicht virtuell. Ich fände es wirklich schön, wenn man mal wieder ohne Angst, was zu verpassen, Bücher lesen könnte.

Wie geht es Dir so damit?

Liebe Grüsse, Virginia

  1. Krimis höre ich fast nur noch, da kommt es nicht darauf an, den jeweils aktuellen Titel zu haben, im Bus ist jeder recht (na ja, fast jeder). Ansonsten hat das Internet – und gerade WordPress – mein Leseverhalten noch mal verändert. Es gibt Hinweise auf Bücher, nicht nur auf Neuerscheinungen, von denen ich nichts wusste und die dann auf meine Leseliste wandern. Ein Buch, das mir so empfohlen wurde, weckt schon noch Vorfreude, aber nicht mehr die kindliche Begeisterung, die auch mit dem knappen Budget zu tun hatte.

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  2. Pingback: TAG 3: WAS IST DEIN LIEBLINGSAUTOR? | Ich lese

  3. Mir geht es ähnlich. Gibt es eigentlich so viele Bücher mehr als früher? Oder ist die Verfügbarkeit einfach besser? Ich mache mir immer Listen von Buchempfehlungen und gehe damit in die Stadtbücherei. Ich habe noch kein ebook-reader. Und dann schaue ich was ich bekomme. Aber es gibt so viele gute Bücher, dass ich theoretisch einen Stapel anhäufen könnte der vom Keller bis zum Dachgeschoss reicht. Und so lese ich doch viele Bücher nicht und ärgere mich dann wieder darüber :-( Früher habe ich bestimmt Autoren blind gekauft, wie Elisabeth George oder Martha Grimes, auch alle Agatha Christie stehen in meinem Schrank :-) aber inzwischen leihe ich sie lieber…..ist auch billiger…

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  4. Ich denke, das Problem gab es früher auch schon, es hing nur davon ab, welche Interessen man hatte. Mir ging es als Kind so wie dir heute. Damals hatte Heyne noch seine Science-Fiction-Reihe und gefühlt stündlich neue Bücher herausgebracht. Meine Buchhandlung hatte immer ein gut gefülltes Regal mit Neuerscheinungen in dem typischen Look: Schwarzer Buchrücken, SF-Logo, Heyne-Wimpel. Davor der kleine Zeilenende, der stundenlang gucken konnte, überlegen, welches Buch er sich von seinem Taschengeld kaufen soll, weil er wusste: Alle kann er ohnehin nicht lesen.
    Ich bemühe mich, die Haltung auch heute zu bewahren: Stundenlang vor dem Regal stehen, nicht weil ich mich nicht entscheiden kann, sondern weil mein Entscheidungsprozess deine Vorfreude auf das Buch ist, das es werden soll. Wenn das nicht klappt, hilft nur: Lieblings-Genre wechseln. Ich glaube, Western erscheinen derzeit nicht so viele. ;)

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  5. Ich mag dieses früher-war-alles-schöner nicht. Ich selektiere anders. Und nebenbei: früher habe ich mich in Bibliotheken genauso von einem Buch zum nächsten treiben lassen, wie jetzt in virtuellen Bibliotheken. Der einzige Unterschied ist: Mein Fühlen war früher so, als hätte ich unendlich Zeit. Jetzt fühle ich das nicht mehr. Zusammengefasst: Es liegt an uns, an dem Alter. Lieber Gruß, Tania

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  6. Hat das nur mit dem Virtuellen zu tun oder eher mit der Schnellig/Schnelllebigkeit? Wenn man früher unterwegs war und jemanden anrufen wollte, musste man eine Telefonzelle suchen. Heute nicht mehr. Dafür telefonieren manche beim Gehen und erzählen dem Gesprächspartner Nichtigkeiten, für die man früher kein Geld in den Telefonschlitz gesteckt hat.

    Es ist einfach eine ganz andere Welt heutzutage.

    Vorfreude auf eBooks kenne ich allerdings genauso wie bei gedruckten Büchern – man muss ja auch auf den Erscheinungstermin warten. ;-)

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  7. Ja…so hab ich das noch nicht betrachtet…Ich fühle mich auch eher erschlagen von der Auswahl. Du hast vollkommen recht….Stunden durch die Bücherei laufen um zu sehen welches Buch man mitnimmt…Da wurden dann auch mal paar Schätze gefunden, die man normal nicht mitgenommen hätte…Ja…das Gefühl fehlt….Selbst das Lesen ist nur noch Kommerz….

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  8. Liebe Virginia,
    danke für Deine Gedanken. Bei mir ist es so: Ich habe traurigerweise oft das Gefühl, trotz der größeren Vielzahl von erscheinenden Büchern in meisten Fällen eben nichts zu verpassen. Gerade im Unterhaltungsbereich wird so viel seriell und aufgebläht produziert. Früher war ich Fan von manchen Krimiautorinnen oder Historischen Romanreihen, von denen es dann plötzlich immer mehr gab und die beim Lesen keinen Kitzel mehr auslösten. Erfolgreiche Autoren scheinen heute jedes Jahr ein neues Buch abliefern zu müssen mit dem Ziel, den Fans immer mehr von den beliebten Figuren zu erzählen – unabhängig davon, ob um diese Figuren tatsächlich noch etwas Besonderes geschehen kann. Es frustriert, unter einer gewissen Menge gekaufter Bücher, die „lecker aussahen“, mehr Fehlgriffe zu erwischen als früher. Ich vermisse das Lesegefühl, das ich früher bei meinen Lieblings-Unterhaltungsautoren hatte.

    Lieben Gruß, Sarah

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    • Hallo liebe Sarah, vielen Dank für deine Zeilen. Ich gebe dir absolut recht in allen Punkten. Darum schauen wir, ob wir ein Buch ausleihen können, um ärgerliche Fehlkäufe zu vermeiden. Welche Autoren waren dir früher lieb? Liebste Grüsse, Virginia

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      • Liebe Virgina, ausleihen ist eine gute Idee. — Ich mochte zum Beispiel frühere Romane von Ken Follett (Hornet Flight), seine aktuelle Trilogie hat mich sehr enttäuscht. Rebecca Gablé las ich gerne. In der Unterhaltungssektion stehen viele Bücher von den Beiden. Und von Elizabeth George. Auch diese Romanreihe, die derzeit als Serie erscheint (Diana Gabaldon, Highlander) fand ich bis zum zwei-einhalbsten Band super. Da war ich noch Teenager :-). Auf welche Bücher hast Du Dich lange vorgefreut und die Lesezeit genossen? Lieben Gruß, Sarah

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      • Jaaa, Elizabeth George! 😘 Schön! Bei mir war es vor allem Stephen King (mit 14 las ich Friedhof der Kuscheltiere) und Miss Marple 😁 Hanni und Nanni war auch gern gelesen. Was ist das lange her! 😳 LG

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