{GELESEN} Die Elefanten meines Bruders von Helmut Pöll

hpöll

Der Protagonist in Helmut Pölls Roman ist interessant und verstörend zugleich. Ich kann mir vorstellen, dass einige Leser Freude an Billy finden werden. Mich hat das Buch hibbelig gemacht und ich vermute, das ist auch Sinn der Sache.

Wir möchten uns herzlich für die Rezensionsanfrage von Helmut Pöll an die Private Readers und für die Zusendung des E-Books bedanken.

Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) ist eine bereits im Kindesalter beginnende psychische Störung, die sich durch Beeinträchtigungen in den Bereichen Aufmerksamkeit und Impulsivität sowie bei zwei der drei Typen ausgeprägte körperliche Unruhe (Hyperaktivität) äußert. Dies vorab zum Verständnis, ein Auszug aus Wikipedia.

ADHS ist in der heutigen Zeit eine verbreitete Krankheit, die meistens bei Kindern diagnostiziert wird. Oft wird in den Medien über eine überschnelle Prognose der Ärzte, gefolgt von zu schnell verschriebener Psychopharmaka, zu Gunsten der Kassen der Pharma-Industrie und der Ärzte, berichtet. Die frühzeitige Vergabe von Psychopharmaka an Kinder ist äusserst umstritten. Auch steigt die Zahl an ADHS erkrankten Kindern jährlich an, was einem zusätzlich am Wahrheitsgehalt zweifeln lässt.

Doch wenden wir uns der Geschichte von Helmut Pöll zu:
Billy Hoffmann ist gerade mal 11 Jahre alt. Würde man ihn fragen, was er später für einen Beruf erlernen möchte, so wäre die Antwort „Filmanseher“ oder „Profispaziergänger“. Billy dachte auch schon einmal, dass Vegetarier von der VEGA (Sternbild) kommen, Menschen müssten Replikanten (Blade Runner) sein. Sein ständiger Begleiter ist sein Todesstern-Modell (Star Wars). Einmal läuft Billy 20 Mal um die Parkplatzsäule herum, bevor er ins Auto der Eltern steigt, ein anderes Mal platzt Billy einfach mit seinem Todesstern-Modell ins Schlafzimmer seiner Eltern, als sich diese gerade beim Beischlaf befinden. Billy malt sich oft aus, wie er eine Bombe baut, um damit den „Mörder“ seines Bruders in die Luft zu jagen. Wobei das Wort „Mörder“ schon eine recht krasse Umschreibung ist für jemanden, der mit dem Auto ein Kind angefahren hat. Das  besagte Kind war Billys Bruder und Billy hat den Unfall mitangesehen. Zuerst dachte Billy, dass sein Bruder plötzlich fliegen könne, nachdem er vom Auto erfasst wurde. Sein Bruder würde einfach nur allen einen bösen Streich spielen und während des Fluges innerlich lachen, um nach seiner Landung die Situation aufzulösen. Doch sein Bruder stand leider nicht mehr auf, denn er ist bei diesem Unfall ums Leben gekommen.

 

3 von 5

Die Elefanten meines Bruders: hier probelesen

 

Helmut Pöll hat beim Aufbau des Hauptcharakters Billy ganze Arbeit geleistet. Leider kann ich nicht einschätzen, ob sich ein Kind mit ADHS, wie im Buch beschrieben, verhalten würde, da ich persönlich bisher leider nur sehr kurz Kontakt zu ADHS Kindern hatte. Die Geschichte kommt vor allem zu Beginn fast gänzlich ohne Dialoge aus. Ich hatte das Gefühl, dass der Autor frei aus dem Bauch heraus geschrieben hat, was auch für einige spontane Lacher meinerseits gesorgt hat, denn einige Situationen sind zum Brüllen komisch. Dann, gegen Ende des ersten Drittels beginnen die Figuren häufiger miteinander zu sprechen und es enstehen dabei einige ziemlich komische Dialoge. Grundsätzlich erzählt der Autor, was Billy so alles anstellt und wie er die Welt wahrnimmt. Dass die ganze Geschichte aus nur einem Erzählstrang und somit gänzlich aus der Ich-Perspektive eines ADHS-Kindes erzählt wird, empfand ich mit der Zeit zunehmend auch als einschränkend, was ich recht schade finde.

Oft wollte ich einfach aus dem Erzählstrang ausbrechen, um etwas von Billys Umfeld, auch aus Sicht eines anderen Charakters zu erfahren. Billy stellt während der Dialoge oft die Meinung der Erwachsenen in Frage, denn meistens ist er selbst ganz „anderer“ Meinung oder er meint zumindest, es sein zu müssen. Dies bewirkte bei mir leider eine Antipathie dem Hauptcharakter gegenüber. Wenn Billy mal 10 Minuten nicht zappelig ist, dann ist das ein regelrechtes Wunder. Und „zappelig“ ist auch das Schlagwort, nach dem ich bereits gesucht habe. Das Lesen des Buches hat mich extrem unruhig und eben zappelig gemacht. Was anfangs noch recht interessant wirkt, wurde mit der Zeit zu einem regelrechten Geduldspiel mit meinen Nerven, denn viele Gedanken und Ideen Billys wiederholen sich. So fühlte ich mich gezwungen, Kunstpausen bei der Lektüre einzulegen, um etwas nach Luft schnappen zu können.

Ich hätte wohl etwas weniger Mühe mit Billy als prägnanten Nebencharakter in einer Story mit mehreren Figuren. So quasi als Nebencharakter, der im richtigen Zeitpunkt auftaucht, um wie ein Tornado etwas frischen Wind ins Geschehen zu bringen. Doch seine ständige Präsenz war für mich echt „zu viel des Guten“. Aber das ist lediglich meine persönliche Erfahrung. Ich kann mir auch sehr gut vorstellen, dass dies so vom Autor beabsichtigt ist, um dem Leser das Gefühl zu vermitteln, wie es es sich anfühlt, mit einem ADHS erkrankten Kind zu leben. Und wenn dem so ist, dann ist es Helmut Pöll echt gelungen!

Die Elefanten meines Bruders von Helmut Pöll, Lago Verlag, 224 Seiten, Leseprobe, rezensiert von Cristoforo

  1. Ich bin kein Fachmann, aber ich kann mir vorstellen, dass ADHS-Kinder diese Störung entwickeln, weil sie in unserer hektischen Zeit zu wenig Aufmerksamkeit von den Erwachsenen bekommen. Sie hätten somit ein Aufmerksamkeitsdefizit im wahrsten Sinne des Wortes.

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