{GELESEN} Live aus China: Mein Leben im Reich der Mitte von Barbara Lüthi

babsi

Ich denke, dass jeder Europäer dieses Buch lesen sollte. Falls du der Meinung bist, alles richtig  machen zu wollen, dann dürftest du wohl oder übel KEINE Elektronik oder in China produzierte Ware mehr kaufen. So zumindest denke ich noch stärker nach der Lektüre von Barbara Lüthis‘ Einblick in das Finanzreich der Mitte. Doch ist das überhaupt möglich, wenn man bedenkt wie abhängig sich die Schweizer Wirtschaft gemacht hat?

Ich war einmal in einer mehr oder weniger renommierten Schweizer Firma für die IT- und Zubehörverteilung an Businesskunden tätig. Spezialprodukte wie Verteiler oder Switches wurden direkt in China produziert (die Firma führt ein eigenes Büro in China). Oft gab man damit an, wie günstig das Produzieren von IT-Produkten in China doch sei. Man wolle jedes Jahr mehr Profit machen. Auf Fragen mit Bezug zu Kinderarbeit und Umweltverschmutzung hat sich die Geschäftsleitung immer meisterlich bedeckt gehalten. Man muss jedoch erwähnen, dass diese besagte Firma als eine der teuersten im Schweizer IT-Sektor gilt. Warum ich das schreibe? Weil ich nie in China gewesen bin und ich für eine wohlhabende Schweizer Firma gearbeitet habe, die viele Eigenmarken-Produkte äusserst kostengünstig in China (auch heute noch) produzieren lässt und bei Wachstumsdefiziten Ende Jahr einfach die Bonis der Mitarbeiter kürzt, obwohl diese die geforderte Leistungen stets erbracht haben.

Die Schweizer Fernsehjournalistin und Chinakorrespondentin des Schweizer Fernsehens (SRF) Barbara Lüthi nimmt uns in ihrem Buch auf ihren langjährigen Aufenthalt in China (Peking und Hongkong) mit.

China befindet sich in Aufbruchstimmung, wirtschaftlich zumindest, denn China will Wirtschaftsweltmacht Nummer Eins werden. Und dies geschieht oft nur „auf Biegen und Brechen“. Mit der Hammermethode vertreibt der chinesische Staat oft Bewohner aus ihren Häusern, um Wirtschaftszentren aus dem Boden zu stampfen. Doch die Hammermethoden der Regierung drängen sich auch den In- und Auslandskorrespondenten auf, die vorgelegt bekommen, was sie wie und wann zu berichten haben. Bei der Zensur der Berichterstattung und im Internet vollführt Chinas Regierung jedoch einen Spagat, bei dem es abzuwägen gilt, wie viel Freiheiten dem chinesischen Volk dennoch zusteht.

Es gäbe sogar Internet-Foren, in welchen eine Art von Meinungsfreiheit herrsche. Dort würden auch korrupte Beamten vorgeführt, was in der Vergangenheit sogar zu erfolgreichen Verhaftungen geführt hat. Was jedoch nicht zur Bekämpfung der Korruption des kommunistischen Staates an seiner Wurzel führt. Die Zensur der Regierung führte sogar dazu, dass Taxifahrer die Fensterkurbeln ihrer Taxis abmontieren mussten, damit Fahrgäste keine Propaganda-Flyer gegen die Regierung aus den Taxis werfen können. Der Umgang des Staats mit dem Wirtschaftsboom lässt auch viele Fragen über den Sinn ihres Handelns offen. So sei die Luft in den Grossstädten dermassen stark verschmutzt, dass man oft nicht allzu weit sehen kann. Ein gelber Schleier hänge früh morgens bereits in der Luft. Die Wasserqualität Chinas (regionale Flüsse), auf die vor allem die Bauern und die eher finanziell schwache Landbevölkerung angewiesen sind, lassen ein hohes Alter in der Bevölkerung erst gar nicht zu. Viele Chinesen erliegen bereits in jungen Jahren den Erkrankungen der Verschmutzung. Doch viele weitere Infos findest Du im Buch.

 

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mit Klick ins Buch!

 

Die Recherchen der Schweizer Journalistin erscheinen mir doch recht brutal und negativ, auf den ersten Blick. Doch je mehr ich die geschilderten Tatsachen sacken liess, umso mehr empfand ich Empathie für die chinesische Bevölkerung. Oft kam mir beim Lesen das Vorgehen der Ex-DDR in den Sinn. Ziemlich unmenschlich und brutal, was die chinesische Regierung angeblich so alles treibt. Nach dem Gelesenen grübelte ich länger über die Schweizer Gesellschaft nach. In China leben viele Menschen mit Angststörungen. Der ständige Wechsel und Wandel der Wirtschaft fordert seinen Tribut. Doch auch in der Schweiz nehmen die Angststörungen jährlich zu, denn wir unterstützen aktiv den wirtschaftlichen Boom, auch in China. Wir alle!

Die Kehrseite des Buches ist von mir aus gesehen die Länge. Es scheint ein wenig in der Tradition der Schweizer Autoren zu liegen, kurze und dennoch teure Bücher zu produzieren. Die Kultur Chinas wird zwar angeschnitten und kommt vor allem durch die negativen Punkte zu Geltung, aber man hätte hier etwas ausführlicher berichten dürfen. Das Buch soll ja kein Pro-Schweiz-Marketingbuch darstellen. Schliesslich lebt die Autorin auch in China. Also kann es dort so schlimm auch nicht sein. Hier hätte ich dann doch gerne etwas mehr über die chinesische Mentalität erfahren. Schliesslich heisst das Buch ja „Live aus China“ und nicht „Live von Chinas Wirtschaftssünden“.

Live aus China: Mein Leben im Reich der Mitte von Barbara Lüthi, Orell Füssli Verlag,  208 Seiten, Leseprobe, rezensiert von Cristoforo

  1. Tja, aus der China-Indien-Falle kommen wir nur raus, wenn die Transportkosten ins Exorbitante steigen würden und es sich nicht mehr lohnt, billigen Mist um die halbe Welt zu schippern. Das haben die großen Konzerne ja inzwischen auch schon eingerechnet und erschließen neue (noch billigere) Märkte in größerer Nähe: USA baut in Südamerika (Venezuela, Costa Rica); Europa in (Schwarz-)Afrika (Nigeria).

    Es wird nicht mehr besser werden. Man sollte sich vom Gedanken verabschieden, die Welt retten zu können und stattdessen versuchen sein direktes Umfeld (Familie oder Wohnort) so lange wie möglich zu erhalten. Der dummen Masse kann man nicht beibringen, daß billig gleich katastrophal ist. „Brot und Spiele“ hat schon vor 2000 Jahren funktioniert und das wird so bleiben.

    Ich versuche „lokal“ vor „Bio“ vor „Supermarkt“ zu konsumieren. Und trotz Berlin (oder gerade deswegen) organisieren sich hier in den Wohnvierteln (Kiez) kleine Gruppen, die genau wie ich das schöne Leben für sich beanspruchen.

    Viva la Revolución!

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  2. Zweifellos ist der Erfolg Chinas hart erworben – auf dem Rücken eines Milliarden Volkes, von denen nicht alle gleichermaßen profitieren können. Doch vor aller Skepsis und Kritik steht bei mir großer Respekt vor den Leistungen eines Landes, das ich im vergangenen Jahr besucht habe. Ein Land, das noch zu meiner Schulzeit als armes Entwicklungsland galt und von dem wir in unserer westlichen Überheblichkeit glaubten, dass wohl auch Jahrzehnte später kaum jemand über den Besitz eines eigenen Fahrrades hinausgekommen sein würde. Wir wurden eines Besseren belehrt und allmählich kriecht bei uns saturierten Westlern die Befürchtung den Nacken hinauf, dass uns dies und ähnlich „hungrige“ Länder bald den Rang in der Welt streitig machen. Wenn man vor Ort war, erkennt man, dass diese Befürchtung berechtigt ist – doch weniger, weil man dort uns etwas neidet, sondern wir erkennen müssen, wie wir uns zunehmend selbst lähmen.

    Dank einer Einladung eines Freundes, der eine zeitlang in Deutschland gearbeitet hatte und nun wieder seit ca. 2000 in China, Peking, mit Familie lebt, flogen wir ins Reich der Mitte. Vor zwei Jahren besuchte er uns in Deutschland mit seiner Familie. Zudem machten wir auch eine kleine Reise durch das Land. Was wir gesehen, erlebt und mit Demut erfahren haben, beschrieb ich in drei Teilen hier: https://thomasbrasch.wordpress.com/2014/06/25/high-higher-shanghai/

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