{GELESEN} Kindeswohl von Ian McEwan

Wer sich mit Fragen über den Konflikt zwischen Recht und Glauben und deren Konsequenzen für uns Menschen auseinandersetzt, sollte den neuen Roman von Bestseller Autor Ian McEwan unbedingt lesen. Wer ein dramatisches Werk über eine Leidensgeschichte mit viel Melancholie erwartet, sollte sich dann doch besser nach einem anderen Roman umsehen. Denn der Autor fokussiert sich ausschliesslich auf den moralischen Aspekt und nicht auf das Ausschmücken der Gefühlswelt der Protagonisten.

Eines Tages macht der Ehemann seiner Frau Fiona Maye ein schockierendes Geständnis. Er habe eine 28 jährige Geliebte. Er möchte seine Frau deshalb vorwarnen, bevor er mit seiner neuen Geliebten ins Bett gehe. Und auch herausfinden, was Fiona davon hält. Für die Familienrichterin des High Court in London zerbricht eine Welt. Sie stürzt sich in die Arbeit, die sie bei jedem Gerichtsfall aufs Neue fordert. In einem ihrer zu betreuenden Familienfälle geht es um einen muslimischen Vater, der sein Kind nach Marokko entführt. In einem anderen um einen orthodoxen Juden, der mit dem Sinneswandel seiner Frau und seiner Tochter nicht einverstanden ist. Vor allem der Fall eines an Leukämie erkrankten Kindes der Sekte der Zeugen Jehovas, das dringend eine Bluttransfusion benötigt, bereitet Fiona grosse Sorgen, denn die Zeugen Jehovas lehnen die lebensrettende Bluttransfusion rigoros ab. Als sich bei Fiona Maye nach einiger Zeit auch noch ihr Ehemann zurückmeldet, muss sie nicht nur als Richterin am Gericht sondern auch privat eine wichtige Entscheidung treffen.

 

4von5

Kindeswohl

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Ian McEwans neuester Roman handelt von Moral und den daraus resultierenden Handlungen. Das Drama erhellt die Seiten von Moral in differenzierten Gesellschaften und die Vollstreckung eines einheitlich geltenden Rechts. Während ich mich immer wieder über echt stupide und fanatische selbsternannte „Gesetze“ von Sekten und Religionen aufrege, so kann ich mir nicht vorstellen, was ich machen würde, wenn ich der Richter bei derart schwierigen Gerichtsprozessen wäre. Eine brennende Frage stelle ich mir jedoch immer wieder: „Darf man des Glaubens willen Hilfe unterlassen?“ Sind wir doch ehrlich miteinander: Glaube ist Glaube, weil man an etwas glaubt. Nicht wahr? Wenn man aufgrund des „Glaubens“ einen anderen Menschen bewusst sterben lässt, dann hat das doch nur mit unterlassener Hilfeleistung und somit mit Mord zu tun. Während die Richterin Fiona Maye sich vor ihrem eigenen familiären Scherbenhaufen wiederfindet, hat sie daneben auch noch beruflich derartig heftige Entscheidungen zu treffen. Man stelle sich an ihrer Stelle vor….

Während des Lesens habe ich mich oft aufgeregt. Und zwar über die Dummheit ihres Ehemannes und auch über die Dummheit labiler Sektenanhänger. Vor allem die Geschichte der Gerichtsfälle hat der Autor dermassen kompakt aufgebaut, dass man nicht anders kann, als sich mit den Themen und den Fragen nach dem Sinn diverser Glaubensrichtungen auseinander zu setzen. Die parallel laufende Geschichte über das Privatleben der Richterin wirkt dagegen im Kontrast ein wenig aufgeblasen und in die Länge gezogen. Dies führt dafür jedoch dazu, dass man den Charakter Fiona Maye besser kennenlernt und man als Leser somit den inneren Zwiespalt der Richterin besser nachvollziehen und verstehen kann. Aber ich gebe zu, dass zwischendurch die Geschichte recht unspektakulär verläuft. Ich wünschte mir trotzdem oft mehr Tiefe bei den Gerichtsdramen und etwas weniger Breite bei der privaten Geschichte über die Richterin.

Ian McEwan ist mit Kindeswohl ein allumfassendes Werk über ein breites Spektrum von moralischen Werten und deren Auswüchse in der Gesellschaft gelungen. Somit eine klare Leseempfehlung.

Kindeswohl von Ian McEwan, Aufbau Verlag, 518 Seiten, Leseprobe, rezensiert von Cristoforo

  1. Ich fand ja auch – die Fragen, um die es hier geht, sind wichtige und gute. An der Wahl der Thematik gibt es nichts zu kritisieren. Aber mir war das Ganze zu kühl, zu rational, zu verkopft. Vielleicht der richtige Ton für eine Geschichte über eine Richterin – aber der Geschichte hätte eine Blut-Transfusion schon auch ganz gut getan…

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