{GELESEN & BUCHTIPP} Was nützt mir die Revolution, wenn ich nicht tanzen kann? von Ece Temelkuran

Wenn du dich für die Sehnsüchte und das Leben unterdrückter Frauen interessierst, solltest du diesen Roman unbedingt lesen. Mit viel Farbe und Emotionen berichtet die Autorin wie aus einem Märchen von den Hoffnungen und Ängsten „unfreier“ Frauen. Prädikat wertvoll!

Freiheit (lateinisch libertas) wird in der Regel verstanden als die Möglichkeit, ohne Zwang zwischen allen Möglichkeiten auswählen und entscheiden zu können. Der Begriff benennt in Philosophie und Recht der Moderne allgemein einen Zustand der Autonomie eines Subjekts. (Quelle: Wikipedia)

Vor nicht allzu langer Zeit wurde am TV eine Reportage gesendet, in der es darum ging, den Umgang mit Frauen in arabischen Länder aufzuzeigen. Nebst den verstörenden Berichten über Steinigungen von Frauen, sah man in einem Ausschnitt der Sendung auch eine Tänzerin. Diese war für arabische Verhältnisse sehr leicht bekleidet (Sommerkleid). Sie tanzte auf offener Strasse. Die Frau bewegte sich zu rhythmischer, arabischer Musik, im Zentrum eines Kreises, ihr Haar flog. Einige Männer sassen am Boden, um die Tänzerin herum und beobachteten verstört das Spektakel. Ab und zu machte die Frau, dem Tanz entsprechend, fordernde Gesten den sitzenden männlichen Zuschauern gegenüber. Doch man konnte sehr schnell erkennen, dass sich die Männer von der Tänzerin eingeschüchtert und verunsichert fühlten. Denn sie blickten immer dann weg, wenn die Frau einen Mann direkt antanzte. Die Männer erweckten den Anschein, als wären sie gar keine Männer, sondern kleine Kinder. Ich gehe davon aus, dass sie schlichtweg nicht wussten, wie sie mit der für sie delikaten Situation umgehen sollten. Und diesem Eindruck bin ich auch in Ece Temelkurans Roman wieder begegnet.

Wir befinden uns in einem Hotel in Tunis inmitten des arabischen Frühlings. Dort treffen sich drei unterschiedliche Frauen:

  • Amira, die schöne Tänzerin aus New York, die als politische Aktivistin tätig war,
  • Maryam aus Ägypten, Wissenschaftlerin und Muslima
  • und die Ich-Erzählerin aus der Türkei, eine derzeit arbeitslose Journalistin.

An einem Abend lernen sie die alte mysteriöse Dame Lilla kennen, die alle drei einlädt, sie auf einen Trip durch den Libanon zu begleiten. Durch den sehnlichsten Wunsch angetrieben, ihren Platz als selbstständig und frei denkende „Frau“ auf der Welt zu finden, willigen die drei Frauen schliesslich ein, Lilla zu begleiten. Ein Road-Trip der Selbstfindung beginnt.

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Ich dachte beim Lesen oft an unsere Jugendlichen in der Schweiz, die bereits im Teenager-Alter, wie selbstverständlich, mit Freunden abends weggehen. Ins Kino, etwas essen und dann in einen Club. Ich war auch mal Teenager und meine Freunde und ich waren oft in Zürich, Bern und Luzern unterwegs. Jungs sowie Mädels trafen sich, in der stillen Hoffnung der grossen Liebe zu begegnen oder neue Leute kennenzulernen.

Die drei Protagonistinnen aus Temekurans Roman freuen sich über Sachen, die für uns hier selbstverständlich erscheinen. Tanzen, singen und zusammen lachen blieb den drei Freundinnen, bedingt durch die Kultur ihrer Länder, meistens verwehrt. In Tunesien finden sie das Verlorene wieder und machen neue Erfahrungen. Die Geschichte polarisiert, denn ich als Europäer kann gewisse Sachen einfach nicht verstehen. Aber darüber möchte ich mich nicht dazu äussern, denn ich kenne mich mit den Hintergründen dieser Kulturen nicht gut genug aus.

Ich bedanke mich herzlichst bei Ece Temelkuran für dieses wundervolle Werk. Es hat mir wieder einmal vor Augen geführt, dass wir, die im Westen leben, ein wohlbehütetes und meistens doch privilegiertes Leben führen. Nebst dieser Einsicht hat das Buch in mir das dualistische Zusammenspiel zweier Emotionen geweckt: Melancholie und Hoffnung. Wie in einem indischen Bollywood Film strotzt das Buch voller Farben und Nuancen. Ich fragte mich beim Lesen oft, ob wir aus dem Westen die vielen materialistischen Dinge und unsere Freiheiten auch wirklich genug bewusst geniessen. Was die Frauen im Buch erleben, ist besonders und durch ihre Bescheidenheit, wissen sie dieses Besondere auch zu schätzen. Ich weiss nicht, ob ich einen solchen Trip auch so würdigen würde.

Was nützt mir die Revolution, wenn ich nicht tanzen kann? von Ece Temelkuran, Atlantik Verlag, 400 Seiten, Leseprobe, rezensiert von Cristoforo

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