Keiner hört mein Schreien von Annick Cojean

via lemonde.fr

"Man sollte den Mut aufbringen und dieses Buch lesen."

Dieses Buch werde ich nicht mit Sternen bewerten, denn es handelt sich hier um eine journalistische Recherche über das, was hinter den Kulissen einer manipulativen Diktatur geschehen ist. Ähnlich wie zum Beispiel in Natascha Kampuschs Buch mit dem Titel 3096 Tage, geht es hier vor allem um Erzählungen von Frauen, die in Gaddafis Harem „gedient“ haben. Wenn ich dies bewerten würde, wäre das in etwa so, als würde ich Sterne für den Tagesschauinhalt abgeben. Hinzu kommt, dass diese misshandelten Frauen echten Mut bewiesen, als sie sich entschlossen, offen über ihre Erfahrungen zu berichten.

Nach dem „Sinn“ einer Diktatur zu suchen, ergibt einfach keinen „Sinn“. Ein einzelner Mensch verfügt über ein ganzes Volk… das kann einfach nicht gut gehen. Wenn ich bereits nach Natascha Kampuschs Erzählungen über ihre Gefangenschaft bei Priklopil schockiert war, konnte ich in Niemand hört mein Schreien einen Erfahrungsbericht über einen weiteren Teufel lesen.

Ende der siebziger Jahre erschien in Libyen das Grüne Buch, das als Propagandainstrument diente. In dem Buch wurden die Rolle und Rechte der Frau in der lybischen Gesellschaft erörtert. Die Mädchen sollten sich „von ihren Ketten befreien“ und sich in den Dienst der Revolution stellen und somit engste Verbündete des Führers werden.

Niemand hört mein Schreien erzählt in der ersten Hälfte des Buches die Geschichte über Sorayas Leben und wie ihre Kindheit abrupt endete, als sie bei einem Besuch des Führers in ihrer Schule auserwählt wurde.

Für diesen speziellen Tag hatte Soraya sich schön gemacht und angemessen gekleidet. Sie kannte den beliebten Führer von Plakaten und die meisten Leute sprachen voller Hochachtung über ihn. In der Schule angekommen, besichtigte der Führer alle Schülerinnen mit geschärften Blick. Eine kleine Geste (das Streicheln des Führers über das Haar der auserwählten Schülerin) und die Soldatinnen Gaddafis wussten, was zu tun war: das Mädchen würde später abgeholt und zu Gaddafis Palast gebracht. Man könnte es auch Entführung nennen.

Dort wurde Soraya in Unwissenheit gelassen. Man wusch und bekleidete sie nach den persönlichen Vorlieben Gaddafis entsprechend leicht. Wenn der Papa (so wollte er von seinen Mädchen genannt werden) Soraya für seine persönlichen Dienste beanspruchte, wurde sie zu einem Zimmer geführt, in welchem Gaddafi sie mehrmals brutal vergewaltigte. Wenn Soraya fragte, ob sie bald nach Hause zu ihren Eltern zurückkehren dürfe, sagte man ihr, sie sei nun die persönliche Schlampe der Führers.

Leseprobe

Während des vierzig Jahre dauernden Regimes in Libyen wurden unzählige Frauen von Gaddafis Soldatinnen entführt und jahrelang gefangen gehalten. Sie waren den krankhaften Zwängen des Diktators völlig ausgeliefert. Sie wurden vergewaltigt, misshandelt und geschlagen.

In der zweiten Hälfte des Buches geht die Journalistin und Autorin Annick Cojean explizit auf ihre Recherche und einzelne andere Personen aus Gaddafis Gefangenschaft ein und erzählt u.a. die persönlichen Geschichten aus der Sicht der betroffenen Person.

Sehr umfassend und ehrlich wird hier die Kehrseite einer Diktatur aufgezeigt. Ähnlich wie in den Geschichten aus dem zweiten Weltkrieg, über Adolf Hitlers Hass auf die Juden, ist mir auch die Geschichte über Gaddafis Diktatur unter die Haut gegangen. Man stelle sich vor, dass man die eigene Frau oder Tochter immer vor einem ranghohen Politiker unseres Landes verstecken müsste, damit dieser sie nicht ja nicht sieht und zu seinem „Dienst in der Hölle“ holen lässt. Regelrecht verstört über das Gelesene kann ich mich nun nur noch fragen, wie es soweit kommen kann, in unserer dermassen „zivilisierten“ Welt.

Ehrlich und verstörend erzählt Cojean von der Kehrseite eines Regimes unter der Führung eines geisteskranken Menschen. Leser, die sich für dieses Buch entscheiden, sollten mit einer „dicken Haut“ gewappnet sein. Ich empfehle, den Mut aufzubringen, weil auch die Frauen aus dem Buch ihn aufgebracht haben.

Niemand hört mein Schreien von Annick Cojean, Aufbau Verlag, 296 Seiten, Leseprobe, rezensiert von Cristoforo

Teile dich mit

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: