Steine im Bauch von Jon Bauer

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"Meine Mutter liebt ein anderes Kind."

Die Mutter des 28 jährigen Erzählers ist krebskrank und bereits im Endstadium ihrer Krankheit angelangt. Deshalb kehrt der Erzähler in sein Elternhaus zurück, um seine Mutter zu unterstützen. Erfüllt von Groll und Hass versucht er seine negativen Kindheitserinnerungen, die er in seinem Lebensrucksack mitschleppt, zu bewältigen. Nicht, dass seine Eltern ihn geschlagen hätten, aber verbale Gewalt oder Liebesentzug schmerzen bekanntlich genauso, wenn nicht sogar mehr. Er war damals ein sieben Jahre alter Bub, als seine Eltern ein Pflegekind mit einer unschönen Kindheit bei sich zu Hause aufnahmen. Robert hiess das Pflegekind und war 12 Jahre alt. Das Martyrium des Erzählers beginnt damit, dass Robert vorne im Auto sitzen darf, obwohl er doch erst zwölf Jahre alt ist. Man dürfe erst ab dreizehn auf dem Vordersitz Platz nehmen. Der Erzähler habe auch nie vorne sitzen dürfen! Viele solche unfaire Entscheidungen der Eltern dem eigenen Kind gegenüber, lassen den Erzähler, das leibliche Kind, bald spüren, dass er nicht mehr der Liebling seiner Mutter ist. Die zahlreichen Versöhnungsaktionen des Kindes bleiben von der Mutter ungesehen, bis zu dem Tag, als die Eifersucht des jungen Erzählers Überhand gewinnt und er es mit seinem Neid gegenüber Robert zu weit treibt.

Die Kapitel wechseln sich jeweils in zwei Geschichten ab. Einerseits erlebt man die Geschehnisse des namenlosen Ich-Erzählers als 28 Jähriger in der Gegenwart. Andererseits erfährt man in einem zweiten Handlungsstrang ausführlich, wie es dem Erzähler in der Vergangenheit ergangen ist. Beim Lesen der Vorkommnisse dieser fatalen Familienkonstellation beschlich mich oft dieses ungute Gefühl, welches der Autor mit Steine im Bauch betitelt. Dies geschieht automatisch, weil das Kind in diesem Debütroman fast immer unverstanden bleibt. Ich kann mich glücklich schätzen, dass mir nie sowas wie Liebesentzug widerfahren ist.

Bauerkopf

Jon Bauer schafft, was nur wenigen Autoren gelingt. Dass das Kind auch wie ein Kind rüberkommt. In vielen Romanen sprechen oder handeln Kinder irgendwann fast zwangsläufig wie Erwachsene. Dennoch wirken die Erlebnisse des achtjährigen Kindes ein wenig zu durchdacht und teilweise zu sauber konstruiert. Im Handlungsstrang aus Sicht des erwachsenen Kindes hingegen, scheint die Geschichte dann zeitweise aufzublühen. Das abgeklärte, kühle Verhalten der Mutter ihrem leiblichen Sohn gegenüber konnte ich nicht wirklich verstehen und es wird im Buch auch nicht wirklich darauf eingegangen. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass es Mütter gibt, die plötzlich ihr leibliches Kind nicht mehr lieben und sich stattdessen in Pflegekinder vernarren.

Die gesamte Geschichte als solches wirkt solide und sauber aufgebaut, was das Lesen zwar einfach aber auch teilweise langweilig gestaltet. Auch hatte ich ständig das Gefühl, alles schon einmal gelesen zu haben. Erst zum Finale hin scheint der Roman seine schriftstellerische Höchstform zu erreichen, aber es bleibt dabei, dass der Autor keine Kompromisse und somit auch keine Risiken eingeht. Für einen guten Debütroman reicht es aber allemal.

Wer ein Drama mit einer kompromisslosen Story sucht, wird das Buch mögen. Sucht man eine subtile Geschichte mit echten Wendungen, wird man wohl enttäuscht.

Steine im Bauch von Jon Bauer, Kiepenheuer&Witsch Verlag, 368 Seiten, Leseprobe, rezensiert von Cristoforo

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