Das Tribunal von John Katzenbach


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1.5 von 5

"Ein Amerikanisierungsversuch des 2. Weltkriegs"

Als zweite Generation nach dem 2. Weltkrieg geboren, habe ich eher indirekt mit dem Krieg zu tun. Will aber nicht heissen, dass der Zweite Weltkrieg an meiner Familie und mir keine Spuren hinterlassen hat. Auch meine Verwandten und Bekannten leiden heute noch an Kriegstraumata. Meine Mutter erzählte mir, dass sie sich an die Bombardierung durch deutsche Flieger so gut erinnere, als sei es erst gestern gewesen. Meine Mutter ( im Alter von 3 Jahren), ihre Eltern,  ihre Oma und ihre zahlreichen Geschwister arbeiteten ohne Schuhe und spärlich bekleidet draussen auf dem Feld bei Neapel, in Italien. Die ganze Familie musste während der vorherrschenden Armut bei der Feldarbeit mithelfen. Plötzlich hätten sie Flieger am Himmel gehört. Als zum Propellerlärm auch noch das Pfeifen der hinabfallenden Bomben dazu kam, schrie meine Ur-Oma, sie sollen wegrennen. Ganz knapp konnten sich alle in einen Graben retten, als eine der vielen Bomben der Nazis einige Meter entfernt aufschlug und dort detonierte. Ganz viele solche Ereignisse haben mir meine Eltern mündlich überliefert und sie begleiten mich, seitdem ich denken kann. Ich kann mir gut vorstellen, dass solch traumatische Erlebnisse einen Menschen für sein ganzes Leben prägen.

Zum besseren Verständnis:
Die Stammlager (Stalag) dienten als Durchgangsstationen für Kriegsgefangene für den Arbeitseinsatz in der Kriegswirtschaft, in Aussenkommandos, Zechen und industriellen Betrieben aller Art. Sowjetische Gefangene und ebenso Kriegsgefangene der westlichen Alliierten wurden von hier aus weiter verteilt. Waren diese Kriegsgefangenen in den Betrieben infolge schlechter Behandlung, Überarbeitung und Hunger arbeitsunfähig geworden, wurden sie wieder in das Stammlager, meist in den dortigen Sanitätsbereich, zurückgeschickt. Viele von ihnen, besonders die sowjetischen Kriegsgefangenen, starben dort. Die, die zur Arbeit zurückkehrten, waren oft sehr geschwächt. Da ein erheblicher Arbeitskräftemangel bestand, gingen einzelne Betriebe dazu über, die Kriegsgefangenen ausreichend zu ernähren und so zu behandeln, dass ihre Arbeitskraft erhalten blieb und weiter ausgebeutet werden konnte. (Quelle: Wikipedia)

In John Katzenbachs Das Tribunal wird ein Gefangener eines Stammlagers (Stalag) in Bayern gegen Ende des Zweiten Weltkriegs ermordet aufgefunden. Der Verdacht fällt auf den schwarzen, amerikanischen Piloten Lincoln Scott.

Als Überlebender eines Flugzeugabsturzes, der sich über der italienischen Region Siziliens ereignet, gelangt der amerikanische Leutnant Thomas Hart in den Stalag. Da Thomas Hart als einziger, amerikanischer Gefangener Jura studiert hat, wird er gebeten, die Verteidigung für den schwarzen Lincoln Scott, während der Gerichtsverhandlungen im Stalag der Nazis, zu übernehmen. Eine schwierige Angelegenheit, denn der amerikanische Hass auf Schwarze ist auch im Stalag präsent.

Gerade eben habe ich den amerikanischen Film Fury, Herz aus Stahl mit Brad Pitt in der Hauptrolle gesehen. Der Film handelt davon, wie ein amerikanisches Team mit seinem Panzer im Zweiten Weltkrieg auf deutschem Boden gegen die Nazis kämpft. Im Prinzip ähnlich wie der Film Inglourious Basterds von Quentin Tarantino, nur nicht ganz so unrealistisch und überdreht.

Katzenbachs Roman liest sich ähnlich, aber beim Lesen dachte ich eher an das Oscar prämierte Drama 12 Years a Slave. Des öfteren erinnerte ich mich während der Lektüre auch an den Vater von Mel Gibson, wie dieser den Holocaust öffentlich geleugnet hat. Die Nazis im Stalag in John Katzenbachs Geschichte werden von den inhaftierten Amerikanern Fritz Nummer 1 bis 3 genannt, denn die drei Nazis heissen Fritz. Die jeweiligen Nazis hätten es zwar nicht gern, von den Gefangenen so genannt zu werden, aber sie gewöhnen sich mit der Zeit daran. Der Gipfel der Absurdität jedoch ereignet sich bereits schon zu Beginn des Romans, als sich der Afroamerikanische Gefangene Lincoln Scott ausserhalb der Grenzzone (Todeszone) einen Ball holen muss, den die Insassen während eines Ballspiels unglücklicherweise in die Todeszone werfen. Scharfschützen auf dem Bewachungsturm erschiessen Lincoln Scott dabei nicht, eine sehr unrealistische Darstellung wie ich finde.

Die Gefahr des Krieges im Lager wird zwar anfangs erwähnt, aber es bleibt nur bei der Erwähnung. Der Stalag und die Nazis erscheinen in John Katzenbachs Roman wie ein Kuschel KZ, die Verharmlosung hat mich zutiefst erschüttert. Zudem wirkt die eher kalte und immer gleichmässige Schreibweise Katzenbachs auf mich demotivierend. Ich musste mich regelrecht durch das Buch kämpfen. Weder Emotionen noch irgendwelche Regungen der Gefangenen oder der Nazis kamen jemals wirklich zur Geltung. Dass sich die Gerichtsverhandlungen in einem Nazi-Lager abspielen, ist zweitrangig. Da hat sich der Autor von mir aus sowieso das falsche Setting ausgesucht. Die ganze Thematik des amerikanischen Rassismus Schwarzen gegenüber, stört. Das Buch handelt doch vom Zweiten Weltkrieg und nicht vom Aufstand der Schwarzen in den USA. Warum Amerikaner vielfach dazu tendieren, sogar die Weltgeschichte Europas zu amerikanisieren, kann ich nicht gutheissen. Stell dir vor, ein europäischer Gefangener führt eine Debatte in einem IS Lager, dazu erhält er ab und zu mal ein Fresspaket aus der Heimat. Hört sich doch eher wie ein Aufenthalt im Ferienlager an und entbehrt jeglichen Fakten.

Wen eine Geschichte über amerikanische Gerichtsverhandlungen und den Rassismus interessiert, kann das Buch lesen. Sicherlich gibt es zu diesem Thema weitaus bessere Bücher. Mit dem Zweiten Weltkrieg hat das Buch so viel gemeinsam wie Heidi mit Street Fighter.

Das Tribunal von John Katzenbach, Knaur Taschenbuch Verlag, 704 Seiten, Leseprobe, rezensiert von Cristoforo

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