Samba für Frankreich von Delphine Coulin

 
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Südlich, im Stiefel Italiens, in Apulien um genau zu sein, leben meine Eltern, die vor rund fünfzehn Jahren nach Italien zurück gekehrt sind. Vom Schiffshafen in Otranto, am adriatischen Meer, sieht man bei Föhnlage das gegenüberliegende Albanien. In Otranto war ich als Kind oft am Strand zum Baden. Nicht immer freiwillig. Denn als Kind von Migranten, als Secondo in der Schweiz behütet aufgewachsen wurde ich von den Eltern quasi gezwungen, fast jedes Jahr während meiner 5 Wochen Sommerferien, mit dem Auto nach Lecce zu fahren. 17 Stunden dauert die Fahrt im Durchschnitt. „Dort unten“ lebt auch mein Cousin, der einst bei der Küstenwache „Guardia Costiera“ Otrantos gearbeitet hat.

Die zahlreichen Geschichten, die er über seine Arbeit als Wächter der Meeresländergrenze erzählt hat, sind alles andere als schön. Meistens versuchen Flüchtlinge aus Albanien nachts die 40 Seemeilen, die zwischen Italien und Albanien liegen, zu „überschwimmen“. Die meisten ertrinken vor Erschöpfung kläglich im adriatischen Meer, bevor sie es überhaupt nur annähernd in die Nähe Italiens schaffen. Die, die es weiter schaffen, werden vor der italienischen Küste von der „Guardia Costiera“ entdeckt (Schiffe mit schwenkbaren Scheinwerfern) und mit Hilfe eines Megaphons genau drei Mal aufgefordert, sich zu ergeben, bevor man sie aufs Schiff holen dürfe. Die, welche sich weigern aufs Schiff zu kommen, müsse man um jeden Preis „aufhalten“. So lauten die Befehle der Küstenwache. Was das genau heisst, wollte mein Cousin zuerst nicht erzählen, doch fügte er noch rasch an, dass sie sie „auf alle Fälle“ aufhalten müssten.

Wenn man wie Samba Cissé sein Leben aufs Spiel setzt, um die Flucht nach Frankreich viermal zu wiederholen und sich so dem Risiko aussetzt, immer wieder von der Grenzpolizei gefangen oder gleich erschossen zu werden, um dann wiederum in Marokko ausgesetzt zu werden, dann muss man doch davon ausgehen, dass Menschen wie Samba sich wirklich „gezwungen“ sehen, ihr Heimatland zu verlassen. Hass, Zerstörungswut und die Menschenjagd schonungsloser ethnischen Säuberungen treiben Flüchtlinge oft in angrenzende Länder. Nach zahlreichen Fluchtversuchen gelingt Samba die Flucht nach Paris. Für ihn ist es die einzige Hoffnung auf ein würdiges Leben, so malt er sich zumindest seine Zukunft in Frankreich aus. Zurück in seine Heimat kann Samba nicht, würde Samba nicht, möchte Samba nicht freiwillig. Doch die Ausweisung aus Frankreich nach Mali droht Samba tagtäglich, denn die Regierung lehnt Sambas Aufenthaltserlaubnis aufs Neue ab. Was Samba in Frankreich vorfindet, ist schlussendlich ein weiteres Versteckspiel und die Weiterführung der Flucht aus seinem Land.

Flüchtlinge sind nicht „freiwillig“ Flüchtlinge, machen wir uns nichts vor. Die Geschichte Samba Cissés ist mir echt unter die Haut gegangen. Extrem gut erzählt, genau auf den Punkt getroffen und ohne Einzelheiten weg zu lassen, so erzählt die Autorin Delphine Coulin eine wunderbare Geschichte eines Flüchtlings, der seine Chancen für die Zukunft in Frankreich sieht. Voller Liebe, Wehmut und Detailverliebtheit hat die Schriftstellerin ein wunderbares Buch geschrieben.

Das Buch öffnet uns „den vom Leben Begünstigten“ die Augen. Ich werde mit Sicherheit nochmals darauf achten, die in unserem Dorf lebenden, geflüchteten Afrikanern mit mehr Respekt zu begegnen. Nicht vergessen: sie sind nicht freiwillig in der Schweiz. Und: ich werde gleich heute den gleichnamigen Film schauen. Fazit: Wertvolle Literatur, die auch in jedem Schulzimmer Einzug halten sollte.

Samba für Frankreich von Delphine Coulin, Aufbau Verlag (268 Seiten), Leseprobe, rezensiert von Cristoforo

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