Ein Bild von Dir von Jojo Moyes

 

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„Hast du das hier schon gelesen?“ Eine Frau, ich schätze sie ist über 50 Jahre alt, wendet sich an ihre gleichaltrige Freundin. Diese verneint und begutachtet das Buchcover, das ihre Freundin ihr im Meissner Buchhandel in Aarau unter die Nase hält. Sie hält es ihr nicht nur unter die Nase, sie drängt es ihr richtiggehend auf. Ich beobachte die Szene aus den Augenwinkeln mit und muss schmunzeln. Jojo Moyes, immer wieder diese Jojo Moyes. Wie spricht man das überhaupt aus?* Sie ist einfach überall und man entkommt ihr definitiv nicht. Ich möchte damit nichts zu tun haben. Anscheinend auch die Freundin der Moyes Anhängerin, denn diese legt das Buch sachte wieder auf den Bücherstapel der Chick Lit (Tussi Literatur, bzw. anspruchslose Frauenliteratur) Auslage. Ein Hauch herber Enttäuschung manifestiert sich auf dem Gesicht ihrer Begleitung. Eine Buchempfehlung vor der Nase abzulehnen, ist wie selber abgelehnt zu werden.

Die Dame tat mir irgendwie fast leid, erst recht als sie bemerkte, dass ich ihre Abfuhr hautnah miterlebte. Es hatte etwas von Scham, wie sie bedröppelt hinter ihrer Freundin nachlief. Die ganze Szene hat mich nachdenklich gestimmt. Dennoch, ich möchte keinen Jojo Moyes Roman lesen. Ich mag Chick Lit nicht. Aber ich kann ja mal wikipedien. Und etwas, das ich dort entdecke, macht mir Mut und weckt sogar meine Sympathie: „Moyes wehrt sich gegen die Kategorisierung ihrer Werke als Chick Lit.“ Okay, ich gebe nach, jetzt möchte ich es doch noch wissen.

Heute, nach der Lektüre von Ein Bild von Dir, stehe ich voll und ganz hinter der Autorin und ihrer standhaften Abwehrhaltung bezüglich der Kategorisierung ihrer Werke als Chick Lit. Zu anspruchsvoll ist die Geschichte und die Liebe zum Detail. Besonders dann, wenn man das Buch auch noch in der vom Argon Verlag vertonten Fassung durch Luise Helm vorgelesen bekommt. Helms Stimme verleiht Moyes Roman den nötigen Glanz und die Wärme, die den Zuhörer zum Schwelgen bringen.

Moyes erzählt in Ein Bild von Dir die Geschichte eines im ersten Weltkrieg verschollenen, enteigneten Gemäldes, welches hundert Jahre später in London wieder auftaucht. Zu Beginn der Geschichte lernen wir Sophie kennen, deren Abbild das wunderschöne Gemälde ziert. Der erste Weltkrieg tobt, ihr Ehemann Édouard kämpft an der Front für Frankreich. Sophie würde alles geben, um Édouard, den Künstler des Gemäldes, nach Hause zu holen. Entgegen allen Versuchen ihrer Schwester Élaine, sie von ihrem Vorhaben abzuhalten, setzt sich Sophie durch. Eine Entscheidung, von der es kein Zurück mehr geben wird.

Ein zweiter Handlungsstrang spielt im heutigen London, hundert Jahre später. Liv hat vor vier Jahren ihren Ehemann David verloren. Sie versucht sich seither ins Leben zurück zu kämpfen, was ihr mehr schlecht als recht gelingt. Das einzige, was ihr noch etwas bedeutet, ist ein Gemälde, das David ihr geschenkt hatte. Eben jenes Gemälde, welches Sophie zeigt, gemalt von ihrem Ehemann Édouard. Als das Gemälde mittels Restitutionsverfahren von Sophie’s Nachfahren und rechtmässigen Besitzern zurückgefordert wird, gibt es für Liv nur eine Möglichkeit: Sie möchte das Gemälde behalten, koste es, was es wolle.

Gemälde sind eben nicht nur einfach Gemälde, sondern vielmehr Gegenstand gelebter Gefühle, Erinnerungen und Lebensgeschichten. Diesen Umstand nutzt Moyes, um in Ein Bild von Dir auf natürliche, ungekünstelte Weise Gefühle und auch echte Nostalgie zu erzeugen. Der Roman versprüht dieses gewisse Etwas, das man in keinem Chick Lit Roman finden würde.

Moyes schreibt mit bedachter Stimme und einem Quentchen Wehmut. Sie beginnt mit der Schilderung von Sophie’s Leben im ersten Weltkrieg um danach abwechselnd in die Gegenwart zu schwenken. Es ist ein Zeitsprungroman. Was zuerst als harter Unterbruch empfunden werden kann, wird durch die interessante Darstellung der Lebensumstände Livs aufgefangen. Danach erfährt man die Zeitsprünge als angenehm, sogar notwendig. Das Konstrukt schwächelt nur kurz im letzten Drittel, in welchem die Schilderungen von Livs Gefühlswelt etwas gewollt ausgedehnt erscheinen. So denkt man etwa: „Ja, ja….jetzt aber mal weiter!“ Vielleicht ist dies aber auch nur meiner Ungeduld geschuldet.

Ich bin froh, habe ich mich an einen Moyes Roman gewagt. Ich denke, es wird nicht der letzte gewesen sein.

*Tschotscho Mois

Ein Bild von Dir von Jojo Moyes, Rowohlt rororo (544 Seiten), Leseprobe, rezensiert von Virginia

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