Hörbuch-Rezension: Das Jahr, das zwei Sekunden brauchte von Rachel Joyce

Eine Rezension von Private Reader Virginia

5von5

Rachel Joyce zweiten Roman, nach ihrem erfolgreichen Debüt Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry, musste ich einfach lesen bzw. entschied ich mich dieses Mal für die Hörbuchvariante. Schon Harold Fry’s Geschichte war ungemein bewegend und spannend. Dass Rachel Joyce es aber schafft, meine Erwartungen an ihren zweiten Roman zu toppen, davon war ich dann doch sehr positiv überrascht.

Der Autor
Rachel Joyce wurde 1962 in London geboren. Sie studierte Englisch und absolvierte auch eine Ausbildung zur Schauspielerin an der Royal Academy of Dramatic Art in London. Nach einem gewonnenen Award nahm sie sich eine Auszeit, um für die Kinder da zu sein und begann als Hörspielautorin für die BBC zu arbeiten. Mit ihrem Debütroman „Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry“ verarbeitete Rachel den Verlust ihres Vaters, der an Krebs gestorben war. Der Roman wurde für den Booker Prize nominiert und wurde auch mit dem Specsavers National Book Award für das beste Debüt prämiert. Mit „Das Jahr, das zwei Sekunden brauchte“ stellt die britische Autorin uns ein Jahr später ihren zweiten Roman vor.

Die Geschichte
Die Geschichte spielt sich auf zwei verschiedenen Zeitebenen ab. Wir finden uns zu Beginn im Jahr 1972 wieder, Byron und sein Freund James sind elf Jahre alt und wir erfahren, dass wegen des Schaltjahres zwei Sekunden fehlen, welche wiederum zugeführt werden sollen, weil die Erdbewegung sich nicht mehr im Takt mit der Zeit befindet. Byron und James fasziniert dieser Umstand, weckt aber auch existenzielle Ängste in beiden, vor allem aber in Byron. Es dauert nicht lange und Byron ist überzeugt, dass diese zwei Sekunden das Leben seiner Familie nachhaltig beeinflussen und für gewisse Ereignisse sogar verantwortlich sind. Als Byron mit seiner Schwester Lucy und Mutter Diana im Jaguar durch die Digby Strasse fährt und als einziger Zeuge davon wird, wie seine Mutter ein kleines Mädchen anfährt und es nicht einmal bemerkt, nimmt das Verhängnis seinen Lauf.

In der Gegenwart, dem zweiten Handlungsstrang, begegnen wir Jim, einem Mann in seinen 50ern, der unter Zwangsstörungen leidet und ein Leben am Rande der Gesellschaft führt. Er lebt in einem Wohnwagen, arbeitet zwar in einem Café, wo er die Tische reinigt, lebt aber sehr zurückgezogen und schafft es nicht, soziale Kontakte zu knüpfen. Dass er stottert, macht es ihm noch schwerer von der Gesellschaft anerkannt zu werden. Als Jim jedoch Eileen kennenlernt, scheint Bewegung in sein Leben zu kommen

Zum Schluss verbinden sich die beiden Handlungsstränge und wir erfahren, wie die beiden Geschichten miteinander verlinkt sind. Rachel Joyce lässt sich nicht lumpen und kredenzt dem Leser ein unerwartetes Potpourri an Gefühlen und Aha-Erlebnissen.

Meine Meinung
Ich hatte ja insgeheim gehofft, dass der zweite Roman von Rachel Joyce ihrem Debütroman in Nichts nachstehen würde. Dass der zweite Roman sogar noch besser sein könnte, davon hatte ich aber nicht gewagt zu träumen. „Das Jahr, das zwei Sekunden brauchte“ ist noch feinsinniger als die Geschichte von Harold Fry. Dabei erkundet Rachel Joyce das Leben einer Hausfrau in den 70er Jahren, ihre gesellschaftliche Stellung und ihre Nöte. Aber auch über die Männer der 70er Jahre erfahren wir mehr. Es ist ein Buch, das die Rollenverteilung thematisiert und verarbeitet und gleichzeitig eine fantastisch, nie absehbare, Geschichte erzählt.

Im Vordergrund jedoch spielt die Geschichte von Byron und seinem Freund James und ihren Versuchen, dem Leben die notwendige Richtung zu geben nachdem Byron’s Mutter ein kleines Mädchen angefahren hatte. Denn: Nichts ist mehr so, wie es einmal war. Byron’s Mutter Diana weiss nicht, dass sie ein Mädchen angefahren und verletzt zurückgelassen hat. Byron’s Welt gerät dadurch in Schieflage und er glaubt, dass die fehlenden zwei Sekunden in jenem Unfallmoment dazugefügt wurden. Er glaubt, seine Mutter retten zu müssen.

Mit sehr viel Gespür für die kleinen Momente im Leben erzählt die Autorin liebevoll eine Geschichte, deren Ausgang man zu keinem Zeitpunkt erahnen kann. Wie auch schon in Harold Fry’s Geschichte ertappt man sich beim Lesen immer wieder wie beim Lesen eines Krimis, dessen Mörder man noch nicht kennt, aber schon weiss, dass man ihm bereits begegnet ist. Man versucht herauszufinden, wie die beiden Geschichten wohl miteinander verknüpft sein könnten, wägt ab und wird ab und an auch leicht ungeduldig. Manchmal hätte ich am liebsten vorwärts gespult um zu hören, wie denn jetzt das alles zusammengefügt werden kann. Ich bin aber froh, habe ich es nicht getan, denn genau diese Ungeduld hat dieses Hörbuch so spannend gemacht. Mit einer Spieldauer von 12 Stunden ist dieses Hörbuch zwar nicht gerade rasch durchgehört, aber weil man so gespannt darauf ist, wie die Geschichte weitergeht, findet man sich am nächsten Tag wieder beim Zuhören vor. So war es bei mir. Ich konnte nicht aufhören und wurde zum Schluss auch nicht enttäuscht, was ja nicht bei jeder Geschichte unbedingt immer der Fall ist.

Fazit
Ein richtiger Bestseller, das steht fest! Dieses Hörbuch oder aber das Buch sollte man sich unbedingt zulegen. Rachel Joyce zeigt, was sie drauf hat: ganz grosses Kino! Wer Geschichten mag, deren Ausgang man nicht vorhersehen kann, der liegt beim Kauf dieses Hörbuchs richtig. Gepaart mit dem der Autorin eigenen, feinsinnigen Schreibstil ist „Das Jahr, das zwei Sekunden brauchte“ ein Must-Read.

Das Jahr, das zwei Sekunden brauchte von Rachel Joyce, 6 CDs mit 446 Minuten Hördauer, Hörprobe!

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