Buch-Rezension: Das Einstein-Mädchen von Philip Sington

Eine Rezension von Private Reader Mareike

4von5

Der Autor
Philip Sington, geboren 1962, studierte Geschichte in Cambridge und arbeitete als Journalist und Magazinherausgeber, Drehbuch- und Theaterautor. Zusammen mit Gay Humphries schrieb er unter dem Pseudonym Patrick Lynch mehrere Thriller, von denen einer, „Carriers“, 1998 als Vorlage für einen Fernsehfilm verwendet wurde. Nach „Zoia’s Gold“ aus dem Jahr 2006 ist „Das Einstein-Mädchen“ sein zweiter Roman. Er lebt mit seiner Familie in London.

Inhalt
Berlin 1932: in einem Wald bei Caputh wird eine verletzte junge Frau bewusstlos aufgefunden, die offenbar ihr Gedächtnis verloren hat. Zwar findet man in der Nähe den Programmzettel eines Vortrags von Albert Einstein und tauft sie daraufhin „das Einstein-Mädchen“, aber zunächst gibt es keinerlei Verbindung zu dem berühmten Wissenschaftler oder seiner Familie. Martin Kirsch, ein junger und engagierter Psychiater an der Berliner Charité, interessiert sich besonders für den Fall – aus wissenschaftlicher Sicht aber auch persönlich, vor dem Hintergrund seiner eigenen Lebensgeschichte. Bald schon gerät er in den Bann der geheimnisvollen Frau und stellt auf eigene Faust Nachforschungen an. Er findet ein Notizbuch seiner Patientin mit mathematischen Formeln auf höchstem wissenschaftlichem Niveau und einen Brief, der an Mileva Einstein-Mariç adressiert ist, die erste Frau Albert Einsteins. Kurzerhand reist Kirsch nach Zürich, um Mileva Einstein-Mariç zu treffen und zu seiner „Patientin E.“ zu befragen. Dabei lernt er deren Sohn Eduard kennen, der in der psychiatrischen Klinik Burghölzli lebt und setzt so nach und nach das Puzzle über die Herkunft seiner Patientin zusammen. Parallel dazu gerät das einstmals geordnete Leben des nach Höherem strebenden Arztes mehr und mehr aus den Fugen, und die Schatten des ersten Weltkrieges, die auf ihm und seiner Familie lasten, holen Martin Kirsch mit steigender Geschwindigkeit ein. Sie sind es, die seine fast wahnhafte Beschäftigung mit dem Schicksal seiner Patientin auf eine bedrückende Weise zunehmend verständlich machen. Während Kirsch sich in Zürich immer tiefer in seinen „Fall“ verstrickt und dadurch sogar in Gefahr gerät, ergreifen in Deutschland die Nazis die Macht und eine überstürzte Aufklärung des Geheimnisses um die schöne junge Frau ist nicht mehr zu verhindern.

Meine Meinung
Ein echter „Krimi Plus“: neben der wirklich spannenden Handlung und den bis zum Ende offenen Fragen rund um die Geschichte der schönen jungen Frau, neben der zarten, unklaren und verwirrenden Liebesgeschichte zwischen dem Psychiater und seiner Patientin, lebt der Roman von der atmosphärisch dichten Darstellung Deutschlands kurz vor der Machtergreifung der Nazis und den historischen Gegebenheiten. In verschiedenen Erzählsträngen wird die Situation in Medizin und Psychiatrie in den zwanziger und dreissiger Jahren thematisiert und der Krankenhaus-Alltag (inklusive medizinischen Versuchen und den Gräueln der Mehrklassen-Medizin dieser Zeit) wird dem Leser bis fast an die Schmerzgrenze nahe gebracht. Auch die verschiedenen Strömungen der Psychiatrie-Geschichte sind ein ausserordentlich spannendes Seitenthema. Daneben haben mich die Auswirkungen des ersten Weltkrieges auf das Leben der Menschen dieser Zeit sehr berührt und zum Nachdenken angeregt. Auch die Frage nach den Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit, zwischen scheinbarer Normalität und psychischer Krankheit stellt sich sehr drängend durch die Darstellung der verschiedenen Figuren dar und lässt sicher keinen Leser unbeeindruckt. Ein weiteres wichtiges Thema ist – wie der Titel schon sagt – die Person Albert Einsteins und seine Biographie. Sehr klug in die Handlung eingewoben bekommt der Leser ein ganz neues, menschliches und wenig idealisiertes Bild des berühmten Wissenschaftlers, man erfährt einiges über seine Theorien und ihre Auswirkungen. Zudem erhalten die beiden Ehefrauen Einsteins ein Gesicht und der schwere Stand von Frauen in der Wissenschaft in der bürgerlichen Gesellschaft des frühen zwanzigsten Jahrhunderts wird an den Frauen-Figuren des Romans ebenfalls sehr plastisch illustriert. In all der Themen- und Figuren-Vielfalt geht manchmal die eigentliche „Krimi-Handlung“ fast ein bisschen vergessen, jedoch wird immer klarer, dass es eigentlich gar keine Krimi-Handlung gibt, was eine überraschende und dramatische Schlusswendung für den Roman herstellt.

Fazit
Ein sehr dichter, gelungener Krimi, der von der gekonnten Mischung aus Fakten und Fiktion lebt und für mich ein echter „Pageturner“ war! Die Wechsel zwischen den Erzählsträngen finden an extrem guten Punkten statt, die Geschichte nimmt zwischendurch immer mehr an Fahrt auf und wird gleichzeitig nie zu schnell. Zudem ist der Figuren-Kreis von einer für mich guten Grösse und geschichtlicher Hintergrund wie auch Lokalkolorit haben mir wirklich Spass gemacht. Einzig die doch zuweilen sehr düstere Stimmung ohne wirkliche Entspannung, ohne wenigstens kurze Aufhellungen, haben mich zeitweise etwas überfordert. Dennoch: lohnend zu lesen!

Das Einstein-Mädchen von Philip Sington, 464 Seiten, DTV, Buchtrailer (keine Leseprobe vorhanden)

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