Buch-Rezension: Ein seltsamer Ort zum Sterben von Derek B. Miller

Eine Rezension von Private Reader Mareike

45von5

Der Autor
Derek B. Miller wurde vor 42 Jahren in Boston, Massachussets geboren. Nach Stationen in Israel, Ungarn, England und der Schweiz lebt er seit längerem in Norwegen. Er ist Spezialist für Sicherheitstechnik und arbeitet für zahlreiche Gremien der UNO (u.a. United Nations Institute for Disarmament Research) sowie für verschiedene Universitäten weltweit. Darüber hinaus ist er Direktor eines Forschungsinstituts. „Ein seltsamer Ort zum Sterben“ ist sein erster Roman, der 2008 entstand. Erschienen ist er zunächst 2011 auf Norwegisch, obwohl er ursprünglich auf Englisch geschrieben wurde. Der Roman wurde mehrfach überarbeitet und 2013 auf Englisch und Deutsch in der – wie der Autor sagt – „endgültigen Fassung“ veröffentlicht.

Inhalt
Nach dem Tod seiner Frau Mabel ist Sheldon Horowitz, ein amerikanischer Jude und Koreakriegs-Veteran, mit 82 Jahren zu seiner Enkelin und ihrem Mann nach Oslo gezogen. Dort wird er Zeuge eines Mordes in der eigenen Wohnung und rettet einen kleinen Jungen vor der Entführung durch die Mörder. Es beginnt eine abenteuerliche aber erstaunlich ruhige Reise durch Norwegen zum Sommerhaus am Oslofjord.
Auf dem Weg mit dem verstörten und verstummten, kleinen Jungen hat Sheldon viel Zeit, über seine Situation nachzudenken und viele Erinnerungen an sein Leben kommen ihm in den Sinn. Gleichzeitig suchen die Mörder nach den beiden und die Polizei versucht, den Mördern zuvor zu kommen und Sheldon aufzuhalten. Im Sommerhaus warten die Enkelin und ihr Mann – auch sie machen sich Gedanken und versuchen, mit der Situation zurecht zu kommen, wobei immer wieder auch kulturelle und biographische Unterschiede aufbrechen. Sogar die Mörder erhalten hin und wieder eine Stimme und auch ihr Hintergrund wird beleuchtet, was sie sehr plastisch und greifbar macht. Es kommt zum Showdown im Sommerhaus, wo Realität und Erinnerungen bei Sheldon immer mehr verschwimmen und eins werden.

Meine Meinung
Ein wirklich unvergleichlicher Roman! Das, was wie die Lebensgeschichte eines alten, amerikanischen Juden vor dem Hintergrund der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts beginnt, scheint bald ein Thriller zu werden, um dann immer wieder andere Genres zu streifen, sich so immer wieder total unerwartet zu entwickeln und den Leser oft zu erstaunen. So ist er Kriegs- und Antikriegsroman, Familiengeschichte, manchmal Buddy-Roman und vor allem liebevolle Einsicht in die Einzigartigkeit jedes Menschen. Die Perspektiven des Romans wechseln immer wieder hin und her, der Autor springt in der Handlung gar ab und zu vorweg, um dann wieder die Handlung einer anderen Person zu einem früheren Zeitpunkt zu beschreiben – von welcher der Leser die Folgen aber schon kennt, ohne sie wirklich zuordnen zu können.

Immer wieder fühlt man sich wie in einem Boot, das von einer Strömung unter der Wasseroberfläche in eine völlig unerwartete Richtung gezogen wird – und das, obgleich die Handlung im Grunde genommen sehr voraussehbar ist. Durch die sehr plastisch und liebevoll gezeichneten Figuren jedoch, durch Rückblenden ins Leben des alten Mannes, durch die unterschiedlichen kulturellen Hintergründe der Figuren und die immer wieder wechselnde Innensicht (auch die Gangster werden zwischendurch fast rührend menschlich und auch ihre Geschichten werden in einem biographischen Kausalzusammenhang ein Stück weit verständlich), auch durch die immer wieder verwischenden Grenzen von Realität und Imagination der Figuren, bleibt der Roman bis zur letzten Seite spannend und vor allem berührend.

Einzig das recht turbulente und immer schneller springende Ende verlässt teilweise die liebevolle und sorgfältige Ausgestaltung der Figuren, wodurch es für mich etwas unverständlich wurde. Das ist besonders schade, weil vor allem die überlebenden Figuren gewissermassen allein gelassen und dem Leser etwas gar grob entrissen werden, nachdem im Laufe des Romans eigentlich jede Figur fast sanft und zart behandelt wurde. Besonderen Spass haben mir beim Lesen die vielen skurrilen, farbigen und lebendigen Details des Romans bereitet, die vielen Situationen in denen ich schmunzeln musste und sie mir bildlich vorstellen konnte. Zudem werden geschichtliche Ereignisse der jüngeren Geschichte über die Biographie der Figuren in einen Zusammenhang gebracht, der zwar im ersten Moment recht konstruiert erscheint, dann aber immer wieder Parallelen herstellt und vor allem die Menschen hinter der Geschichte ins Blickfeld rückt und ihnen auf diese Weise eine Stimme verleiht.

Fazit
Wer sich gern auf nicht immer ganz stringente Romane mit einem Schuss Skurrilität und vielen Details (sowohl in der Handlung als auch in Rückblenden) einlässt, sich für kulturelle Unterschiede zwischen Ost und West, Süd und Nord interessiert, gern mal lacht und gleichzeitig auch vor den Grausamkeiten des Lebens die Augen nicht verschliesst, der wird diesen Roman lieben!

Ein seltsamer Ort zum Sterben von Derek B. Miller, 416 Seiten, rororo Verlag, Leseprobe!

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