Buch-Rezension: Die toten Seelen von Nicolai Wassiljewitsch Gogol

 

Manchmal kaufe ich mir auch mal ein Buch, das etwas älter ist, als das, was in den Bestseller-Listen rumschwirrt. Nicolai Wassiljewitsch Gogol’s Die toten Seelen ist älter. Und zwar ganze 170 Jahre! Das Buch wurde in Russland im Jahr 1842 veröffentlicht, auf Deutsch erschien der Roman dann nur 4 Jahre später. Da ich neugierig bin, wie sich so ein bejahrtes Buch liest, war klar: das nehm ich!

Über den Autor (Klappentext Diogenes)
Nikolai Wassiljewitsch Gogol wurde 1809 in Soroèiny (Ukraine) als Sohn eines Gutsbesitzers geboren. Nach Abschluss des Gymnasiums ging er nach St. Petersburg. Sowohl eine Karriere an der Universität wie auch als Schauspieler blieben ihm versagt. Nach einer kurzen Beamtenlaufbahn war er als Lehrer und Geschichtsprofessor tätig. Danach lebte er lange im Ausland, vor allem in Italien. Seine letzten Jahre waren von geistigem und körperlichem Verfall überschattet. So verbrannte er in einem Anfall religiösen Wahns den zweiten Teil des Manuskripts „Tote Seelen“. Im März 1852 starb er an den Folgen einer strengen religiösen Fastenkur.

Die Geschichte
Kollegienrath Tschitschikow ist auf Reise durch das zaristische Russland. Er ist auf der Suche nach „toten Seelen“, also d.h. er kauft verstorbene Leibeigene auf. Diese will er später verpfänden zum aktuellen Marktwert, natürlich „lebendig“. Ein wahrer Coup! Tschitschikow begegnet auf seiner Fahrt durch die Provinz so manch illustrer Gestalt, die ihm sein Vorhaben erschweren könnte.


Die toten Seelen….hier reinlesen!

Meine Meinung
Es ist erstaunlich. Man kauft sich einen Roman, der 170 Jahre auf dem Buckel hat und erwartet irgendwie, dass diese Geschichte wohl anders sein müsse, als jene, die man heutzutage so zu lesen bekommt. Und das ist sie auch. Manchmal. Gogol’s Die toten Seelen ist köstlich modern und in seiner feinsinnigen Art zu schreiben, steckt eine grosse künstlerische Kraft. Tschitschikow’s Reise ist eine Reise durch die Gesellschaft, eine Gesellschaftssatire sondergleichen, die in keinerlei Weise an Zeitgeist verloren hat. Im Gegenteil, das Werk strotzt vor Moderne. Kein Wunder, denn die Menschen, wie man dem Buch entnehmen kann, sind kein bisschen anders als damals vor knapp 200 Jahren. Sie sind überall: die Geizhälse, die Ignoranten und Denunzianten. Gogol erzählt mit erstaunlicher Komik und zieht den Leser von Anfang an in seinen Bann. Soviel Humor zwischen den Zeilen habe ich schon lange nicht mehr lesen dürfen. Besonders gefallen hat mir, wie sich das Finale anbahnt. Wenn ein Städtchen ausser Rand und Band gerät, nur durch einige falsch interpretierte oder gar unterstellte Tatsachen. Ein Abbild der perfekten Gerüchteküche! Das war für mich der eigentliche Höhepunkt dieses Buches, der mich als Mensch der Neuzeit fasziniert und sprachlos gemacht hat. Oft erkennt man sich sogar selber in diesem Buch. Man fühlt sich von Gogol vor einen Spiegel gesetzt, gezwungen in nur allzu bekannte Fratzen gesellschaftlicher Zwänge zu blicken. Mich hat das Buch sehr berührt, vielleicht auch gerade weil es so alt ist. Beeindruckt bin ich, und um ein wichtiges Buch reicher. Ich bin froh, es gelesen zu haben.

Fazit
Die toten Seelen ist eine Geschichte der Gesellschaftsanalyse- und Kritik, die Einblick gewährt in ein makabres, komisches Kabinett menschlicher Fehlbarkeit. Dieser Roman ist eine zeitlose Satire, wie man sie selten zu lesen bekommt. Ein absolutes Muss-Buch der Weltliteratur, welches auch Gewohnheits-Bestseller-Leser/Innen einen vergnüglichen Einblick in die hohe Kunst der Literatur verschafft.

Die toten Seelen von Nicolai Wassiljewitsch Gogol, erschienen bei Diogenes, 365 Seiten, Taschenbuch, ISBN: 9783257203844, Leseprobe!

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