Buch-Rezension: Nonno spricht von Patric Marino

Ich selbst wurde als waschechter „Secondo“ in der Schweiz geboren. Heute besitze ich zudem auch den Schweizer Pass. Während meiner Kindheit fuhren wir mit den Eltern JEDES JAHR nach Süditalien. Die Autofahrt von der Schweiz in den tiefen Süden dauert in der Regel über 17 Stunden. Meistens fuhren wir im Sommer dorthin (5 Wochen Schulferien),  während in Süditalien am Tag bis zu 45 Grad Celsius (im Schatten) zu messen sind. Das Meer, die flachen Ländereien und die vielen Olivenbäume sind Teil meines menschlichen Wesens, ebenso aber auch die Schweizer Alpen, die schönen Schweizer Seen und die herrlichen Wälder (vor allem im Herbst). Natürlich war klar, dass ich dieses Buch lesen wollte, denn das Leben der Secondos ist auch ein Teil meiner eigenen Lebensgeschichte. Wie mir das kleine Büchlein gefallen hat, lest Ihr in dieser Rezension.

Zum Schriftsteller – Auszug aus dem Buch und aus dem Internet
Patric Marino wurde 1989 in Bern geboren und lebt in Münsingen. Nach dem Gymnasium und dem Abschluss des Schweizerischen Literaturinstituts gründete er mit zwei Absolventinnen das Literaturbüro Olten. Während der Entstehungszeit des Buches „Nonno spricht“ ist er sechsmal zu seinen Nonni (Grosseltern) nach Kalabrien gereist. Er hat mehrere Schreibwettbewerbe gewonnen, ist bei verschiedenen Lesungen aufgetreten und wurde vom Literaturhaus Zürich für ein Schreibprojekt ausgewählt. Für „Nonno spricht“ erhielt er im Juni 2012 von der Literaturkommission des Kantons Bern einen Anerkennungspreis.

Die Geschichte
Patric Marino fährt in die Ferien; nach Italien zu Nonna (Grossmutter) und Nonno (Grossvater). Eine Geschichte im eigentlichen Sinne sucht man im Buch vergebens. Stattdessen befindet man sich von Anfang an gleich mittendrin, in einfachen, kurzen Erzählungen über das Leben in Italien. Viele kleinere Kurzgeschichten schildern die exakten Beobachtungen von Patric während seiner diversen Aufenthalte bei den Grosseltern wider. Einmal kleckert Patrics Nonno seine Lesebrille mit Pasta-Sugo voll, an einem anderen Tag beklaut besagter Nonno eine Strassen-Obsthändlerin und einige Male erzählt Nonno über seine Jugend nach dem Krieg… und manchmal nervt sich Nonna schlicht und einfach über Nonno und befiehlt ihm, er solle doch sitzen, still sein und aufessen.

Hier gehts zur Leseprobe!

Ein Beispiel einer lustigen Beobachtung:
Nonno trägt ein rosa Hemd ohne Taschen.
Nonna hat ihm das Hemd gekauft, weil sie sich ab Nonnos ausgebeulten Hemdtaschen störte.
Nonno hat seine alte Lesebrille verloren, als er sie in die Tasche des rosa Hemds stecken wollte. Seine neue Lesebrille trägt er an einer Schnur um den Hals.
Nonno setzt die Lesebrille auf.
Ich lache, Nonna lacht mit.
„Was lacht ihr?“
„Siehst du es nicht?“
„Was?“
„Deine Brille.“
Nonno schaut mich an.
Das rechte Glas ist rot von Sugoflecken, auf dem linken Glas klebt ein Wassermelonenkern.
Nonno nimmt die Brille ab und putzt sie mit Spucke, dann klappt er die Bügel zu und steckt die Brille in die Hemdtasche, die es nicht gibt.
Die Brille baumelt an der Schnur vor Nonnos Brust.

Meine Meinung
Die kurzen und gut beobachteten Schilderungen über Situationen, wie sie eventuell wirklich nur in Italien stattfinden, sind für mich extrem lustig, romantisch und zugleich dramatisch. Aus den nüchtern geschilderten Situationen formt Patric Marino einen echten Lesegenuss, den ich in dieser Form bisher nur von Loriot kannte. In den meisten Geschichten erkannte ich sofort meine Eltern (sie sind vor rund 12 Jahren nach Italien zurückgekehrt) und meine zahlreichen Verwandten in Italien und ihre Eigenarten. Ich muss schon sagen, dass das Leben Italiens von genau solchen Kurzgeschichten genährt wird. Als Kind mögen die Ferien im Stiefelland eher als langweilig gelten. Wurde man jedoch als Italiener im Ausland geboren, so ist man doch sehr stark von eben den einfachen „Dingen“ Italiens geprägt. Was die meisten Menschen als „dolce farniente“ (süsses Nichtstun) bezeichnen, ist ganz klar eine Form des schönen Lebens. Mag sein, dass mit der Einführung des Euro viele Europäische Länder ein schlechtes Image erhalten haben. Aber das hat nichts mit dem Leben in den Ländern zu tun.

Wie schon erläutert: Eine in sich geschlossene, umfängliche Geschichte gibt es nicht. Die einzelnen, kleineren Anekdoten bilden die Story. Wer einen Roman im herkömmlichen Sinne sucht, ist hier fehl am Platz. Wer sich jedoch auf eine einfache Art des Lesens einlassen kann, wird an dem Buch seine helle Freude finden. Für mich persönlich ist das Buch mit gerade mal 78 Seiten (eher grosser Textdruck) ein wenig zu kurz geraten. Hier hätte etwas mehr Inhalt nicht geschadet, weswegen ich nur 4.5 Punke von 5 vergebe. Nichtsdestotrotz ist das Buch ein echter Genuss.

Fazit
Wer sehr kostengünstig Italiens Flair (ohne lange Reise) wieder erleben will oder auch nur einfach draufloslachen möchte, der sollte das Buch unbedingt lesen. Alle anderen verpassen ein wertvolles, kleines Werk von Anekdoten. Prädikat wertvoll!

Nonno spricht von Patric Marino, erschienen bei Lokwort, 78 Seiten, Softcover, Leseprobe!

Eine Antwort

  1. Pingback: Ein unfassbares Land oder Die zwanzig Dinge meiner Kindheit von Eugène « PRIVATE READERS BOOK CLUB

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